Lord-Fauntleroy-Locken

Eine populäre (Film- und Literatur-)Frisur, die heute niemand mehr kennt

Was haben eine liebgewonnene vorweihnachtliche deutsche Fernsehroutine um einen kleinen Lord, Star Trek und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences miteinander zu tun?

Ich beschäftige mich mit dem Begriff Lord-Fauntleroy-Locken, weil ich mich zur Zeit mit dem Buch SCHAU HEIMWÄRTS, ENGEL! des amerikanischen Schriftstellers THOMAS WOLFE auseinandersetze. Ich untersuche alle Phänomene, Metaphern, Autoren und Begriffe, die im Buch erwähnt werden und mir unbekannt sind.

Es geht um dieses Zitat:

Vor den Pausen fürchtete er sich, denn er haßte das Durcheinander und die Balgerei auf dem Schulhof. Sein Stolz erlaubte ihm nicht, einfach im Klassenzimmer zu bleiben oder sich stillschweigend zu drücken. Eliza hatte sein Haar lang wachsen lassen und wickelte es jeden Morgen um die Finger zu dicken Lord-Fauntleroy-Locken. Die Qualen und Demütigungen, die er wegen dieser Locken ausstand, konnte oder wollte sie nicht verstehn. Umsonst flehte Eugen, sie möge ihm das Haar schneiden lassen. Sie bewahrte die Locken von Ben, Grover und Lukas in kleinen Schachtein auf. Sie weinte manchmal, wenn sie Eugens Haar anschaute. Für sie waren diese Locken Merkzeichen dafür, daß Eugen noch ein Baby sei, Gedenkzeichen auch ihrer eigenen Herzenstrauer.

Quelle: Thomas Wolfe, Schau heimwärts, Engel!, Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg 1954, S. 194.

Diese Art der Locken trägt man nur noch in historischen Filmen, hier geht es um eine Frisur, die den meisten Zuschauern des Kleinen Lord unbekannt sein dürfte.

 Lord-Fauntleroy-Locken - Reginald Birch’s Illustration des kleinen Lord Fauntleroy
Reginald Birch’s Illustration des kleinen Lord Fauntleroy
Der kleine Lord von 1980

Ricky Schroders blondes Haar

Für viele deutsche Fernsehzuschauer ist es eine liebgewonnene Routine: Immer am Freitag vor Weihnachten zeigt die ARD die Verfilmung Der kleine Lord von 1980, mit Connie Booth, Ricky Schroder, Sir Alec Guinness in den Hauptrollen und Patrick Stewart in einer der Nebenrollen (Wilkins, der Stallmeister, war Patrick Stewats fünfte Spielfilmrolle).

Obwohl ich den Film Der kleine Lord, bestimmt schon mehr als sechsmal gesehen habe, kam ich nicht gleich darauf, was mit Lord Fauntleroy-Locken gemeint sein könnte, da der kleine Lord Fauntleroy in der Verfilmung von 1980 glattes blondes Haar trägt. Was viele Fernsehzuschauer nicht wissen: von den vielen Verfilmungen des gleichnamigen Buches ist die Verfilmung von Jack Gold aus dem Jahre 1980 die erste, in der der - von Ricky Schroder gespielte - kleine Lord blond ist und glattes langes Haar trägt. Schon vorher gab es Verfilmungen des Romans von Frances Hodgson Burnett, aber sind wahrscheinlich das Buch mit seinen Ilustrationen und die beiden Stummfilme von 1914 und 1921, auf welche die - von Thomas Wolfe in seinem Roman benutzte - Redewendung Lord-Fauntleroy-Locken zurückgeht.

 

Frances Burnett, Teil einer Fotografie von Herbert Rose Barraud (1845-1896).
Frances Burnett, Teil einer Fotografie von Herbert Rose Barraud (1845-1896).
Sonderbare Frisur

Lord Fauntleroys Locken

Frances Hodgson Burnett

Frances Hodgson Burnett, geboren am 24. November 1849 in Manchester, England und gestorben am 29. Oktober 1924 in Plandome, New York war eine britische Schriftstellerin. Marion Kremer schreibt auf fembio.org: Frances Hodgson stammte aus einer wohlhabenden Familie, die durch den Tod des Vaters und den wirtschaftlichen Niedergang von Manchester verarmte. Die Emigration nach Amerika verschlimmerte die Notlage der Mutter und ihrer fünf Kinder noch weiter. Aber der gesellschaftliche Abstieg und das Leben im ländlichen Tennessee waren für Frances auch ein Freiheitsgewinn: Jenseits der strengen Konventionen konnte sie Streifzüge durch die Natur unternehmen, die Sprache der „einfachen“ Leute lernen und Ideen zur Aufbesserung des Familienbudgets ausprobieren.  Bereits mit neunzehn Jahren werden ihre ersten Geschichten veröffentlicht. Ihre größten Erfolge waren die drei Kinderbücher Der kleine Lord (Little Lord Fauntleroy), Sara, die kleine Prinzessin (A Little Princess) und Der geheime Garten (The Secret Garden).

Frances Hodgson Burnett, https://www.fembio.org

Lord Fauntleroy ist der Originaltitel des bei uns unter dem Titel Der kleine Lord bekannten Films, der auf dem Roman Der kleine Lord (erschienen 1886) von Frances Hodgson Burnett basiert. Die beste Quelle zu den berühmten Locken habe ich in dem Beitrag A little Earl’s Progress von Modconned von 2015 gefunden. Sie oder er schreibt: British American author Frances Hodgson Burnett modelled the look sported by the small hero of her 1886 book Little Lord Fauntleroy on her own son Vivian. (Quelle: ebd.) Und auf allen gezeigten Abbildungen sieht eins einen Jungen im Alter von 8-12, der schulterlange, stark gelockte Haare trägt. 

Ob Wolfe eine Abbildung des Sohnes von Frances Hodgson Burnett kannte? Das finde ich persönlich eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, dass Wolfe die vom englisch-amerikanischen Künstler Reginald Bathurst Birch illustrierte Buchausgabe kannte. Oder dass basierend auf dieser Ausgabe einfach diese Frisur unter diesem Namen in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt war. Dafür findet sich in der englisch-sprachigen Wikipedia folgender Beleg:

Reginald Bathurst Birch

His first great success was his illustration of Frances Hodgson Burnett's children's book Little Lord Fauntleroy (1886), whose young protagonist's long, curly hair and velvet and lace suit were widely imitated by mothers as a pattern of dress for their little boys. Birch's name was indelibly associated with Burnett's protagonist forever after, rather to the illustrator's irritation.

Quelle: Wikipedia

Das lange lockige Haar und der samtene Anzug als Vorbild für viele Mütter dieser Zeit. (Zur Kommunion trug ich ebenfalls einen samtenen Anzug, das war aber erst über 80 Jahr später.)

Oder Wolfe kannte eine der frühen Verfilmungen, wie beispielsweise die Stummfilmverfilmung von 1914, aus der sich bei IMDB nur 3 Fotos finden lassen oder die Stummfilm-Neuverfilmung von 1921, in der die zu Drehzeiten 28-jährige Mary Pickford sowohl die Mutter als auch den kleinen Lord spielt. Und sie trägt im Film lange Locken, die wahrscheinlich heiß mit der Brennschere eingedreht wurden. In diesem Filmausschnitt kann man die Locken ganz wunderbar sehen. 

Mary Pickford (1915) - Fotograf unbekannt
Mary Pickford (1915) - Fotograf unbekannt
Filmstar, Geschäftsfrau und Filmproduzentin

Mary Pickford

Mary Pickford wurde am 8. April 1892 als Gladys Louise Smith in Toronto, Ontario, Kanada, als Tochter von Elsie Charlotte (Hennessy) und John Charles Smith geboren. Sie war englischer und irischer Abstammung. Pickford begann im Alter von sieben Jahren mit dem Theaterspielen. Damals war sie unter dem Namen "Baby Gladys Smith" bekannt und tourte mit ihrer Familie in verschiedenen Theatergruppen durch die Vaudeville-Theater der Vereinigten Staaten und Kanada.

Im Jahr 1907 nahm sie den Familiennamen Pickford an und schloss sich der David-Belasco-Truppe an. Sie begann ihre Film-Karriere 1909 mit dem Film "American Mutoscope & Biograph" und arbeitete mit dem Regisseur D.W. Griffith zusammen. Bis 1912 hatte sie bereits in über 140 Filmen, zumeist in Einaktern, mitgespielt.

Mary Pickford trug entscheidend zur Entwicklung des Star-Systems bei. Nach dem sie unter dem Namen The Girl with the Curls oder Little Mary erfolgreich die Kinosäle gefüllt hatte, wechselte sie mehrmals die Studios. Bei jedem Wechsel konnte die erfolgreiche Schauspielerin höhere Gagen verlangen. Bereits 1916 verdiente sie nach mehrmaligem Wechseln 10.000 $ wöchentlich.

Schließlich gründete sie 1919 zusammen mit D.W. Griffith, Charlie Chaplin und ihrem späteren Ehemann Douglas Fairbanks die Filmgesellschaft United Artists. Heute gehört die Filmgesellschaft als Tochterunternehmen von Metro-Goldwyn-Mayer zu Sony Pictures Entertainment.

Nach dem sie mit der ersten Verfilmung eines der Bücher von Frances Hodgson Burnett Die kleine Prinzessin (1917) schon sehr erfolgreich gewesen war, drehte Pickford 1922 Little Lord Fauntleroy, der an den Kassen ein großer Erfolg wurde und 1,1 Millionen Dollar einspielte. Sie entwickelte selbst eine Szene mit, in der der kleine Lord (gespielt von ihr) seine Mutter umarmt (ebenfalls gespielt von ihr). Die technisch aufwändige Aufnahme dauerte über 16 Stunden, war im Film aber nur ein paar Sekunden zu sehen.

Mary Pickford war eine der Mitbegründerinnen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Ihr erster Präsident war ihr Ehemann Douglas Fairbanks. Der eigentliche Zweck der Akademie ist es, sich für Fortschritte im Bereich der Filmwirtschaft einzusetzen, bekannt ist die Akademie aber für die alljährliche Verleihung der Oscars.

Wie viele andere Stars der Stummfilmzeit konnte sie im Tonfilm nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Zwar erhielt sie 1930 für ihre Leistung in Coquette den Oskar für die beste Hauptdarstellerin, bereits 1933 drehte sie aber ihren letzten Film und war bis 1940 nur noch als Produzentin tätig. Ihre letzten Anteile an United Artists verkaufte sie 1953. Mary Pickford verstarb im Alter von 86 Jahren am 29. Mai 1979.

tl, dr;

Der vierzigjährige Theaterschaupieler der Royal Shakespeare Company Patrick Stewart übernahm im Film Der kleine Lord von 1980 die Rolle des Stallmeisters. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist er durch seine Rolle des Earl-Grey trinkenden Kapitäns des Raumschiffs Enterprise. In einer anderen Verfilmung des gleichnamigen Buches Der kleine Lord übernahm 1921 die Schauspielerin Mary Pickford eine Doppelrolle als kleiner Lord und seine Mutter. Dabei trug Mary Pickford eine ähnliche Lockenfrisur, wie der Sohn der Autorin des Romans, Vivian. Mary Pickford gründete mit D. W. Griffith, Charlie Chaplin und ihrem späteren Mann Douglas Fairbanks die Filmgesellschaft United Artists und ist Mitbegründerin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.

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