-mut - Suffix

It's the Genus, stupid.

Seit Herbst letzten Jahres lese ich Stoff zur Anmut. Da kam auch die Frage auf, warum die Anmut weiblich ist? Anlass für eine Recherche: Die Geschlechtszuordnung bei Wörtern mit dem Suffix -mut.

Seit Herbst letzten Jahres lese ich Stoff zur Anmut. Da kam auch die Frage auf, warum die Anmut weiblich ist. Anlass für eine Recherche: Die Geschlechtszuordnung bei Wörtern mit dem Suffix -mut.

Was ist ein Suffix? Ein Suffix, sprachlich vom lateinischen suffixum (etwas Angeheftetem) abstammend, fälschlicher Weise auch Nachsilbe genannt, ist in der Sprachwissenschaft ein Affix, ein unselbstständiger Wortbestandteil. 

Diese Beschreibung habe ich von Wikipedia übernommen. Suffixe wie -heit oder -ung wie in Krankheit oder Wortschöpfung nennt man in der Sprachwissenschaft Derivationssuffixe. Derivation bedeutet soviel wie Wortableitung. Ableitung ist auch ein Wort mit einem Derivationssuffix, hier auch mit -ung.

Sprachwissenschaftler legen zu Recht wert darauf, dass die Affixe Präfix und Suffix (jetzt muss ich an Idefix denken – sie haben alle den Suffix -ix gemein) nicht gleich Vor- und Nachsilbe sind.

Warum interessiert mich das? Wegen des Suffixes -mut. Und der Tatsache, dass dieser Suffix dem Worte Anmut innewohnt.

Hochmut kommt vor dem Fall

Hellmut, der wackere Krieger

Der Chronist hat leider vergessen, welches Jahr wir schreiben. Es ist früher Morgen, nur ein paar Vögel zwitschern zwischen den verbliebenen und vertrockneten Herbstblättern des Waldes, der das Schlachtfeld an der Danne traurig und struppig umkränzt. Der Himmel ist so fahl wie die müden Gesichter der Kämpfer in hinteren Reihen der aufgestellten Truppen. Über den Himmel treiben paynesgraue Wolkenfetzen, zerrissen wie die vielen Seelen, die vom Schlachtfeld unsichtbar verweht werden. Auf beiden Seiten des Schlachtfelds haben sich Ritter und Soldaten zu einem letzten Gefecht in schmalen Reihen aufgestellt. Die Gesichter der Ritter sind nicht zu sehen, die Gefolgsleute hinter ihnen schauen verkniffen durch die Reihen vor ihnen. Vom Gegner sind nur unscharfe Konturen zu sehen, dazwischen häufen sich tote Pferde, Lanzen und anderes Geschirr, das zwischen den wenigen kahlen Büschen vom gestrigen Tage liegen geblieben ist.

Dies ist die – zugegeben kurze – Geschichte vom edelmütigen Ritter Hellmut, der mannesmutig genug ist sich todesmutig in den Kampf gegen die dunklen Ritter zu werfen. Heldenmutig greift er zu seinem Schwert, das ihm Alberich, der Große geschmiedet und Freimut genannt hat. Wie es vibriert, wenn er es aus der Scheide zieht. Stolz ragt sein Schwert vor ihm auf. Gleichmütig stapft er im tiefen schwarzen Schlamm seinen überzähligen Gegnern entgegen. Er klappt sein Visier mit der Fratze eines afrikanischen Raubtieres zu, umklammert fest und löwenmutig das Heft seiner Klinge. Niemals wankelmütig, ohne jeden Kleinmut hebt er sein Schwert hoch über sich hinaus. Freimut fährt nieder und schneidet in die Reihen seiner Gegner - wie durch frisch geknetete Butter fährt die Klinge; mäht die dunklen Ritter wie ein Schnitter das Gerstenfeld zur Sommerreife, was für ein Heldenmut. Todesmutig im Anblick der blitzenden Klingen, gleichmütig der Todesgefahr gegenüber und langmütig gegenüber den ihm folgenden Fußsoldaten strebt er, Hellmut weiter gegen die überzähligen Gegner voran. Da tut sich im magnetitgrau umwölkten Himmel eine Lücke auf, heraus fährt ein gleißender Sonnenstrahl, hell blitzt seine Brünne im Sonnenlicht, aber auch die polierten metallenen Rüstungen seiner Gegner blitzen und blenden. Und für einen Augenblick abgelenkt, das Auge gen Himmel gerichtet, zwinkernd und blinzelnd, im Mittelpunkt eines kurzen göttlichen Moments, sieht Hellmut die dunkle Klinge eines Gegners nicht. Sie durchbohrt unter der Schulter die Rüstung, ganz leicht dringt sie ein, in seinen weichen Leib, bis in sein kampfesmutiges Herz dringt sie vor. Und im Skat des Lebens ist das Helmuts letzter Stich und dieser trumpft. So verrinnen helles Blut wie Hellmuts Lebenssinne im matschigen gedärm- und fetzengetränkten Lehm vor Donnerskirchen. Noch einmal und wehmütig kehren seine Gedanken zu seiner Diemut zurück. Dann stirbt er. Er fällt einfach und plump mit dem Gesicht voran in den zertrampelten brandenburgischen Schlamm und haucht sein Leben aus. Stumm erstarren die Verbündeten, alle Bewegungen erfrieren zu einem winzigen Moment, in dem die verbliebene Armee seinen Opfermut bewundert. Er hinterläßt eine Frau – Diemut – und zwei Kinder, Junge und Mädchen.

Was bleibt der Diemut, seiner höfischen Dame nun übrig?

Die Sanftmut, mit der sie Hellmuts Kinder erzieht. Die Schwermut, mit der sie händeringend die Nachricht von Helmuts Heldentaten und seinem Tod erträgt. Die Reumut, mit der sie verzagt die Hochzeit mit Hellmut beklagt, von der ihr ihr Vater, ein einfacher Bauer so abgeraten hatte. Demütig wendet sie sich den nächst höheren Herren, denn ihre Zukunft ist nun ungewiss. Einmütig mit ihrer Schwester sucht sie einen Ausweg aus ihrer Lage, sonst drohte ihr Ungemach, womöglich die frühe Armut. Der Fürst aber nimmt ihre Hand und lobt ihre grazile Anmut und versichert ihr, dass trotz ihrer einfachen Herkunft ihre Almut und ihr wunderschöner Biedermut auch weiterhin den Hof verschönern dürfe.

Genus: feminin

Die Anmut

Die Anmut ist weiblicher Natur. Genauer gesagt, ihr Genus (grammatisches Geschlecht) ist weiblich. Der Begriff Genus ist uns im Lateinischen geblieben, und bedeutet Art oder Gattung oder Geschlecht. Der Plural von Genus ist Genera.

Wörter können ihren Genus mit dem Sexus – also mit dem biologischen Geschlecht – einen festen Bestandteil der Wortbedeutung oder Personen- beziehungsweise Tierbezeichnung haben, die direkt auf das Geschlecht hinweist. Beim Frauennamen Paula ist das zum Beispiel der Fall.

»Genus ist eine innersprachliche grammatische Kategorie, Sexus ein aussersprachliches, biologisches Phänomen. Dazwischen liegen weitere Phänomene, innersprachliche und aussersprachliche, so dass die Genderlinguistik nicht nur zwischen Genus und Sexus unterscheidet, sondern vier Ebenen annimmt. Dies sind:

  • das natürliche Geschlecht (a);
  • die gesellschaftlich geltenden Genderstereotype (b);
  • das semantische Geschlecht (c);
  • das grammatische Geschlecht (d).«

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexus

Laut Wikipedia besteht dabei bei vielen Wörtern wohl ein Zusammenhang zwischen natürlichem und grammatikalischem Geschlecht.

»Ein Genussystem hat dann einen Bezug zu natürlichen Geschlechtern, wenn spezifische Wörter, die also Wesen nur eines Geschlechts bezeichnen, ganz überwiegend – mit wenigen systematischen oder individuellen Ausnahmen wie etwa im Deutschen Diminutive oder _Weib_ – ein vom Geschlecht abhängiges Genus haben: Dann heißt das regelmäßige Genus für männliche Wesen _Maskulinum_ und das für weibliche _Femininum_. Daneben kann es wie im Deutschen ein drittes Geschlecht geben, das _Neutrum_ (lateinisch _ne-utrum_ „keines von beiden“).« (Quelle: ebd.)

Der Genus der Anmut ist das Femininum.

Kraft des Denkens oder Gefühl?

Mut, der

Ich möchte jetzt auf den Suffix zurückkommen. Pfeiffer (Pfeiffer 2000, S. 903) schreibt im Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache, dass das Wort ›Mut‹ für Kühnheit und Unerschrockenheit vom althochdeutschen ›muot‹ abstamme, einem Wort das mit »Kraft des Denkens, Seele, Herz, Gemütszustand, Gesinnung, Gefühl, Absicht, Neigung' noch einen erheblich größeren Bedeutungsumfang hat. Zwar findet dieser sich, so Pfeiffer, nicht im Altnordischen, wo es nur ›Zorn, aufgeregter Sinn‹ bedeutet, oder im Altschwedischen ›mod‹, wo die Bedeutung nicht über Nut, Beherztheit hinausgeht, aber alle gehen auf das griechische mosthai zurück, und hier bedeutete es noch ›streben, trachten, verlangen‹.

Mut, so Pfeiffer weiter, bedeutete einstmals und ursprünglich ›innere Triebkräfte, Gemütszustände, Erregungen des Gefühls im Gegensatz zum Verstand‹. Erst ab dem 16. Jahrhundert setzte sich die Bedeutungsverengung auf ›kühne und unerschrockene Haltung gegenüber Wagnis und Gefahr‹ durch.

Das Verb ›muten‹, ist in seiner reinen Form aus der deutschen Sprache verschwunden, es findet sich noch in ›anmuten‹, ›zumuten‹ oder ›ermutigen‹ und bedeutete einmal ›begehren, verlangen, seinen Sinn auf etwas richten‹. Bei einer kurzen Recherche im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm online, habe ich noch einige weitere verschwundene Wörter mit *mut* gefunden: Mutadel, mutarm. mutatmend, mutbar (heute noch in zumutbar), mutbegabt, mutbegeistert, mutberaubend, Mutbeschererin und mutbeseelt (könnte ich mir noch in moderner Sprache vorstellen)

Femininum oder Maskulinum

Welche Wörter mit dem Suffix gibt es denn?

Maskulinum

  • Azimut, der
  • Bekennermut, der
  • Biedermut, der (nie alternde Jugendlichkeit)
  • Bismut, der (Erz)
  • Biermut, der (ähnlich wie Biercourage)
  • Edelmut, der
  • Frohmut, der
  • Fromut, der (siehe Frohmut)
  • Freimut, der
  • Gleichmut, der
  • Großmut, der
  • Heldenmut, der
  • Hellmut, der (Vorname)
  • Hartmut, der (Vorname)
  • Hochmut, der
  • Hochgemut, der (siehe Hochmut)
  • Kampfesmut, der
  • Kampfmut, der
  • Kamut, der (Weizenart)
  • Kleinmut, der
  • Langmut, der
  • Lebensmut, der
  • Löwenmut, der
  • Mannesmut, der
  • Missmut, der
  • Opfermut, der
  • Reformmut, der
  • Todesmut, der
  • Unmut, der
  • Übermut, der
  • Vatermut, der
  • Wagemut, der
  • Wankelmut, der
  • Wermut, der (Getränk)
  • Wismut, der (Siehe Bismut)

Femininum

  • Almut, die (von edlem Geiste)
  • Anmut, die
  • Armut, die
  • Diemut, die (Vorname)
  • Dietmut, die (Vorname, siehe Diemut)
  • Demut, die
  • Einmut, die (Eintracht, Einmütigkeit)
  • Erdmut, die (Vorname, Nebenform von Hartmut)
  • Hildemut, die (Vorname)
  • Reumut, die
  • Sanftmut, die
  • Schwermut, die
  • Wehmut, die

Neutrum

  • Mammut, das

Oha. Das es so schlimm und eindeutig zugeordnet hätte ich nicht gedacht. Nichts, dass Linguisten überraschen würde, bei mir hat es für sehr viel Klarheit und Verständnis gesorgt.

Sind wir als Gesellschaft schon weitergekommen? Ja, hoffentlich und wahrscheinlich. In machen Bereichen. Ob ich im Ballett eine Frau oder einen Mann tanzen sehe, die Anmut empfinde ich bei beiden. Die für die Selbstbestimmung im Iran kämpfenden Frauen und auch Männer sind ungeheuer mutig, die Frauen sogar noch deutlich mehr. Ob Wagemut, Großmut, Sanftmut — in der Regel machen wir - zumindest ich handhabe es so – ihre Bedeutung nicht mehr am Geschlecht fest. Und für bestimmte Begriffe/Wörter sind uns glücklicherweise die Gelegenheiten abhanden gekommen, bei anderen hat sich die Bedeutung verschoben.

Der Begriff der Anmut, als Ausdruck der - teilweise oder nur sexuell - bewegten weiblichen Schönheit verschob sich - so hoffe ich - mehr zu einem Schönheitsverständnis, das losgelöst ist vom Sexus und Genus ist.

Und wenn wir über kein Verständnis der Anmut verfügen, sie nicht mehr empfinden, wie ich es zum Beispiel bei meinen Kindern erlebe, hat sie dann aufgehört zu existieren? Der Frage möchte ich in meinem Sachstandsbericht zur Anmut nachgehen, denn ich in den nächsten Wochen veröffentlichen möchte.

tl, dr;

Ein wenig mittelalterliche Prosa zur Fragestellung, welche Wörter mit dem Suffix -mut es in der deutschen Sprache gibt.

Kommentare (0)


Schreibe einen Kommentar




Mit dem Absenden des Kommentars stimme ich zu, dass der genannte Name, die genannte E-Mail-Adresse von cronhill.de im Zusammenhang mit dem von mir verfassten Kommentar gespeichert wird. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.