Conclusio Thomas Schürmann de

Die Abtei von Beauport

Auf der Gänseweide am Fluß Correc

Aus der Zeit gefallen - Wäre nicht die kleine Gruppe von Menschen im Vordergrund,<br> es wäre wie ein Standbild aus einem Film der 30er Jahre

Aus der Zeit gefallen

Wäre nicht die kleine Gruppe von Menschen im Vordergrund,
es wäre wie ein Standbild aus einem Film der 30er Jahre

Foto: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6-12 Jetsetter , 2013

Die außergewöhnlichen Schwarz-weiß-Aufnahmen im Format 6 x 12 cm und 6 x 9 cm zeigen die bretonische Abtei von Beauport nahe der Stadt Paimpol im Département Côtes-d’Armor. Die stimmungsvollen Bilder sind mit der damals neuen Lomo Belair X 6-12 Jetsetter entstanden und wurden vor Ort mit selbst angemischtem Caffenol-Filmentwickler entwickelt.

Traumhaft, der Innenraum der alten Abteikirche - Das Licht vor Ort, die Location und die besondere Art der Schärfeverteilung der Lomo Belair<br> verdichten sich im Bild zu einer ganz besonderen und einzigartigen Stimmung.

Traumhaft, der Innenraum der alten Abteikirche

Das Licht vor Ort, die Location und die besondere Art der Schärfeverteilung der Lomo Belair
verdichten sich im Bild zu einer ganz besonderen und einzigartigen Stimmung.

Foto: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6-12 Jetsetter , 2013

Geschichte in drei Dimensionen

Abtei, Ruine und analoge Fotografie

In den Aufnahmen der Abtei von Beauport treffen drei besondere Umstände zusammen. Sie erzeugen ein mehrdimensionales Abbild dieses besonderen Ortes: Es sind Aufnahmen einer Abtei, die zugleich Ruine ist, die heute nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllt, nicht mehr nur Abtei und Kirche ist, sondern in einer weiteren Dimension auch noch eine unbelebte Ruine der einstigen Funktion ist. Und es sind analog mit einer halbautomatischen Lomo Belair Mittelformatkamera entstandene Fotografien, die dazu noch manuell mit  Caffenol-Filmentwickler direkt vor Ort in Frankreich von Hand entwickelt wurden.

Ruinen

Der deutsch-amerikanische Kunsthistoriker William Sebastian Heckscher (1904-1999) schreibt Stendhal dieses Zitat über die Ruine des Colosseum zu:

William Sebastian Heckscher

heute, wo es in Trümmer fällt...
vielleicht schöner (ist), als in den Tagen seines höchsten Glanzes. Damals war es nur ein Theater ...

W. S. Heckscher: Die Rom-Ruinen. Die geistigen Voraussetzungen ihrer Verwertung im Mittelalter und Renaissance. Würzburg 1936, S. 1

Zerstörte Gebäude, vor allem des Mittelalters und früher, haben eine ganz besondere Ästhetik, die den ruinösen Gegenstand unserer Betrachtung um einen weiteren Aspekt erweitert, den der Ruine. Das zerstörte Kloster ist eben nicht mehr nur ein Kloster, das von geschäftigen Nonnen oder Mönchen belebt wird, die wir direkt sehen und erleben, riechen und hören können, nein, sie und ihr Zweck sind vergangen und sie existieren nur noch als vielleicht romantische oder sinnhafte und sentimentalisierte emotoionalisierte Vorstellung in unseren Köpfen.

Es ist unsere Eigenheit als Mensch, dass wir uns dann in unserer Phantasie meist das Schöne vorstellen und weniger das Schlechte. Aber diese Vorstellungen überlagern -  mit allen den Märchen und Mythen unserer Kindheit und unseres Erwachsenenlebens - die einfachen Gemäuer mit unserer individuellen Imagination.

Prof. em. Dr. Hartmut Böhme, Kulturtheoretiker und Mentalitätshistoriker

Die Ruine zeigt eine prekäre Balance von erhaltener Form und Verfall, von Natur und Geschichte, Gewalt und Frieden, Erinnerung und Gegenwart, Trauer und Erlösungssehnsucht, wie sie von keinem intakten Bauwerk oder Kunstobjekt erreicht wird.

Hartmut Böhme, Die Ästhetik der Ruinen

Die Ruine ist kein perfekter Ort, aber sie öffnet unserer Vorstellungskraft einen breiteren Raum, als es der perfekte Mittelalterfilm jemals könnte, in dem wir alles sehen, alles da ist und wir nachher satt sind und nicht hungrig, nach einer Vorstellung von einem Leben, dass es heute nicht mehr gibt. Billy Wilder sagte Hellmuth Karasek einmal über das Filmen von Gefühlen sinngemäß: Du zeigst das Weinen nicht. Du siehst nur die zuckenden Schultern und der mitfühlenden Trauer des Zuschauers wird dadurch genügend Platz für die eigene Phantasie gelassen. Vielleicht ist die Ruine als Raum für unsere Phantasie ein eben gleichwertiger Ort und Moment des Erlebens, in dem wir Geschichte tatsächlich und nur sentimental sehen können und sie begehren und uns mit ihr versöhnen. Denn natürlich war das Leben als einfacher Chorherr eines Klosters im 13ten Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Im Alter von 30 Jahren die meisten Zähne schon ausgefallen und die tägliche Arbeit von 12 - 16 Stunden inklusive mehrmaligen Betens auf dem harten unbestuhlten Boden der Abteikirche nichts, was einen Mönch wahrscheinlich älter als 40 Jahre werden ließ.

Die analoge und fehlerbehaftete Fotografie verstärkt den magischen Charakter des Ortes noch einmal, da sie nicht einfach nur ein Abbild des Ortes schafft, in womöglich größtmöglicher Präzision. Die analoge Fotografie fügt der zweiten ebene des Ortes, der Ruine, noch eine dritte Ebene hinzu. Im Gegensatz dazu gibt ein digitales, höchst scharfes Lichtbild vereinfacht gesprochen den Ort nur als das wieder, als das er ist: ein scharf fotografierter Stapel von Steinen unter einem stahlgrauen Himmel in Frankreich.

Das analoge Foto mit seinem starken Korn, der Unschärfe, den unkalkulierten und unkalkulierbaren Fehlern bei der Entwicklung, beim Aufnehmen des Bildes, beim Fehlbelichten während des Filmeinlegens und Wechselns zeigt weniger von den nackten und echten Tatsachen. Dafür mehr von den Möglichkeiten, die Ort und Abbild des Ortes uns und unserer Vorstellungskraft bieten. Nicht die perfekt scharfe Abbildung einer Hortensie im ehemaligen Sakralraum einer anglonormannischen Abteikirche aus dem 13. Jahrhundert ist zu sehen. Wir sehen etwas, das so aussieht, wie eine Hortensie im Altarraum ebendieser Kirche und der Betrachter selbst vollendet das Bild mit seiner, möglicherweise farbigen Erinnerung an Hortensien in seinem eigenen Leben, die er möglicherweise selbst einmal in der Bretagne gesehen und erlebt hat und das Bild wird in der Imagination prächtiger und farbenfroher und intensiver, als wenn man es wirklich so sehen würde.

Abtei, Ruine, analoges und fehlerhaftes, in Teilen unscharfes Abbild der Ruine sorgen für eine einmalige Tiefe, die sich vielleicht nur bei Betrachtung eines größeres Papierabzuges dieser Bilder hier wirklich zeigen kann.

Nur eine simple Nebentür?  - Wir können diesen wundervollen Ort in unserer Vorstellung selbst beleben.

Nur eine simple Nebentür?

Wir können diesen wundervollen Ort in unserer Vorstellung selbst beleben.
Photo: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6 x 12 Jetsetter, 2013

Die Gänseweide

Die schöne Bucht in der Grafschaft Goëlo

Die Ruine der Abtei liegt malerisch schön in der früheren bretonischen Grafschaft Goëlo. Sie beruht auf einer im Jahr 1202 erfolgten Schenkung der früheren Abtei Saint-Rion an die Abtei Beauport, die damals nur über einen Abt und drei Chorherren verfügte. Sie soll auf einer ehemaligen Gänseweide liegen. (Anmerkung: Welcher Acker war nicht einmal eine Gänseweide?) Wahrscheinlich wegen der guten Lage in der Bucht und am Correc nannte der Abt die Abtei Bellus portus, woraus sich das französische beau port ableitete. Die Abtei gehörte zum Orden der Prämonstratenser (Weißer und Kanonischer Orden von Prémontré), mit 25 aus der Normandie in die Bretagne entsandten Ordensleuten wurde die Abtei aufgebaut und und prägte massgeblich die Landschaft um sich herum. Von der Abtei ging in der Folge eine erhebliche Veränderung der Küstengestaltung aus, ein System von Deichen, Fischereien und Häfen wurde eingerichtet. Ausgehend von der Abtei blühte der Hafen von Paimpol auf, der lange bis ins 19te Jahrundert seine Bedeutung behielt, während die Abtei ihren Niedergang im 18ten Jahrhundert erfuhr und 1790 geschlossen wurde. Erst knapp 70 Jahre danach wurde die Plünderung dadurch beendet, dass das Gelände und die Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurden.

Das Umfeld

Traumhafte Lage und Stimmung

Das Umfeld der Abtei in der Bucht, die von einem fast 12 m hohen Tiedenhub betroffen ist, lohnt einen ausgiebigen Spaziergang und ist sehr sehenswert. Die Abteikirche stammt selbst aus dem 13. Jahrhundert und ist im anglonormannischen gotischen Stil errichtet. Zum Anwesen selbst gehörten einmal die Kirche, der Kreuzgang, die Schlafsäle, das Klosterhaus, die Gärten und Obstgärten, zwei Taubenhäuser und ein Brunnen, Teiche, Wiesen, eine Weizenmühle und Wälder auf einer angeschlossenen Fläche von 70 Hektar.

Die Abtei ist mit Grund - und vor allem bei stimmungsvollem schlechtem Wetter  - eines der beliebtesten touristischen Ziele der Region.

Strebwerk - Strebwerk im anglonormannischen gotischen Stil auf der Westseite der Abtei

Strebwerk

Strebwerk im anglonormannischen gotischen Stil auf der Westseite der Abtei
Foto: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6-12 Jetsetter , 2013

Park und Gärten - Park und Gärten sowie das gesamte Umfeld der Abtei lohnen einen Ausflug

Park und Gärten

Park und Gärten sowie das gesamte Umfeld der Abtei lohnen einen Ausflug
Photo: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6-12 Jetsetter , 2013

Farn - Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) und mit Flechten und Moos bewachsene Steine

Farn

Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) und mit Flechten und Moos bewachsene Steine
Photo: Thomas Schürmann, Lomo Belair X 6-12 Jetsetter , 2013

Conclusio

In den Bildern der Abtei von Beauport treffen mehrere Dimensionen unserer sentimentalen sinnlichen Wahrnehmung zusammen: Abteien und Ruinen von Abteien und analoge Abbildungen von ihnen bilden einen multidimensionalen Raum, in dem unserer Phantasie und unseren Gefühlen breiter Raum gelassen wird. Es ist der kulturell in Jahrhunderten unserer Kulturgeschichte geschaffene natürlich wirkende sinnliche Reiz, es ist diese Extra-Schönheit, die die natürliche Schönheit der ehemaligen Abtei erweitert. Früher war es nur eine Abtei, heute ist es eine Abtei und Ruine und in ihr leben nicht die meist armen Mönche mit verfaulten Zähnen, sondern nur noch unsere Phantasie.

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