Conclusio Thomas Schürmann de

Durch die Wallonie II

Pass auf, Spirou!

Äcker wie anderswo - Auf diesen schönen Äckern fand die Schlacht von Waterloo statt, von den Deutschen wegen einer Gaststätte auch gerne als Belle-Alliance Schlacht bezeichnet. Zahlreiche Straßen und Plätze in Deutschland trugen diesen Namen. In Wuppertal zum Beispiel ist noch eine Bushaltestelle danach benannt.

Äcker wie anderswo

Auf diesen schönen Äckern fand die Schlacht von Waterloo statt, von den Deutschen wegen einer Gaststätte auch gerne als Belle-Alliance Schlacht bezeichnet. Zahlreiche Straßen und Plätze in Deutschland trugen diesen Namen. In Wuppertal zum Beispiel ist noch eine Bushaltestelle danach benannt.
Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Abwechslungsreich ist sie, die Wallonie. Ein Land, in dem die Schicksale der Bergleute unmittelbar mit der größten Comic-Talentschmiede Europas zusammentreffen. Von Brüssel ging es zur Abbaye d'Aulne an der Sambre.

Butte du Lion - Da liegt er in der Ferne, der Löwenhügel. 42 Meter hoch, von Lütticher Hutträgerinnen zusammengetragen. Fast 300.00 Tonnen schwer.

Butte du Lion

Da liegt er in der Ferne, der Löwenhügel. 42 Meter hoch, von Lütticher Hutträgerinnen zusammengetragen. Fast 300.00 Tonnen schwer.
Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Abschied von Brüssel

Zum niederländischen Löwen in Belgien

Im ersten Teil sind wir von Wuppertal nach Brüssel gereist und haben in der belgischen Hauptstadt einen schönen Tag verbracht. Hier gibt es den ganzen, umfangreich bebilderten Bericht. Am zweiten Tag ging es von Brüssel nach Thuin, genauer gesagt zur Abbaye d'Aulne, einer an der Sambre gelegenen Ruine eines ehemaligen Benedektiner- und Zisterzienser-Klosters. Unser Weg führte uns über das Schlachtfeld von Waterloo, durch die Industriestadt Charleroi bis hin nach Thuin, das für seine hängenden Gärten bekannt ist.

Trigger-Warnung. In einem Teil geht es um das Bergbauunglück, bei dem in Charleroi 262 zum großen Teil italienische Bergleute starben.

Unsere Route

Start am Scott Hotel, mit der Linie 6 zum Atomium + Auf der  E 9 Auffahrt No 8 Wemmel bis  Abfahrt No 22 Braine-le-Chateau/Waterloo + Chaussee de Tubize + Braine l'Alleud + Belle-Alliance + Löwenhügel + N5 über Genappe, Frasnes-les-Gosselies + Charleroi + Bois du Cazier + Charleroi + Marchienne au Pont + Landelles + Abbaye d'Aulne + Thuin + Abbaye d'Aulne

Im Scott Hotel haben wir ausgezeichnet geschlafen, was auch an der eher ruhigen Lage im Quartier Saint Gilles lag. Das Hotel ist gerade so weit vom Ring rund um die Innenstadt entfernt, dass man seine Ruhe hat, aber trotzdem schnell zu Fuß zur U-Bahn kommt. Wir sind einfach und günstig mit einem Einmal-Ticket zum Atomium zurückgefahren, von dort war es dann nicht weit zu unserem Park&Ride-Parkplatz.

Für unsere weitere Reise hatten wir die Wahl zwischen zwei bedeutenden Denkmälern, dem Löwenhügel bei Waterloo oder dem Schiffshebewerk Ronquières - wir haben uns für den Ort entschieden, der sogleich für einen der erfolgreichsten Grand-Prix-Songs (1974) wie für eine der größten militärischen Niederlagen (1825) steht: Waterloo.

Sanfte Schönheit - In weichen Linien zeichnet sich vor dem Horizont eine beruhigende Landschaft ab. Das viele lebendige Grün täuscht darüber hinweg, dass hier, rund um den 18. Juni 1815 über 47.000 Soldaten in drei Armeen zu Tode kamen.

Sanfte Schönheit

In weichen Linien zeichnet sich vor dem Horizont eine beruhigende Landschaft ab. Das viele lebendige Grün täuscht darüber hinweg, dass hier, rund um den 18. Juni 1815 über 47.000 Soldaten in drei Armeen zu Tode kamen.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

My, my - At Waterloo, Napoleon did surrender

Der Löwenhügel - Butte du Lion

Waterloo - jeder kennt es, aber wer war schon mal dort? Der Ort ist zu einer Redensart geworden, denn jeder kann sein eigenes Waterloo erleben. Eine besonders schmerzliche, große und beträchtliche Niederlage. Am 18. Juni 1815 wurde in dem - auch einmal Belle-Alliance-Schlacht genannten - Gemetzel in der Nähe des vormaligen Dorfes Waterloo nicht nur Napoleon Bonaparte besiegt. Die Niederlage gegen die über 115.000 vereinigten Truppen Wellingtons und Blüchers besiegelte auch Napoleons Herrschaft der 100 Tage. Es war auch das Ende des französischen Kaiserreichs. Wer jetzt vermutet, er würde auf dem Schlachtfeld auf den Knochen der Gefallenen herumtrampeln, weitgefehlt. Von den über 20.000 Gefallenen blieb Dank der Wiederverwendung der Zähne in künstlichen Zahnersätzen, der Verwendung der Knochen für die Herstellung von Dünger und Filterkohle für die Rübensirupproduktion nichts übrig. Dies schreibt zumindest Florian Wenninger (@F_Wenninger) in seinem lesenswerten Thread zu "Des Todes billige Ware". Zahlreiche Denkmäler säumen entlang des Schlachtfeldes den Weg, eines aber sticht besonders ins Auge. Es ist der Löwenhügel, der Butte de Lion, der die leicht gewellte Landschaft sanft wie ein Grabhügel der Belger überragt. Belger, so nannte Gaius Iulius Caesar die gallischen Stämme nördlich der Flüsse Sequana und Matrona.

Kartoffeläcker und Getreide - Endlos scheint der Horizont - wie mag es für die einfachen Soldaten gewesen sein?

Kartoffeläcker und Getreide

Endlos scheint der Horizont - wie mag es für die einfachen Soldaten gewesen sein?
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Der Löwenhügel also, 40 Meter hoch künstlich aufgeschüttet mit einem Umfang von 520 Metern - ein halber Kilometer. An wen erinnert der Hügel und wie ist er entstanden?

Dazu ein kurzer Blick zurück in die Geschichte, denn der Hügel erinnert weder an Wellington, den Briten oder „Marschall Vorwärts“ Blücher, den Preußen - der Hügel wirft uns exakt in die Zeiten zurück, die die belgische Geschichte so wechselvoll machten. Zur Errichtung des Denkmals war Waterloo niederländisch.

Gekämmtes Andengemüse - Wie gekämmt ziehen sich die Linien des Andengemüses über das ehemalige Schlachtfeld. Schon Wellington bemängelte, dass die Aufschüttung des Butte de Lion den Schlachtfeldkonturen ihre Schärfe genommen hätte.

Gekämmtes Andengemüse

Wie gekämmt ziehen sich die Linien des Andengemüses über das ehemalige Schlachtfeld. Schon Wellington bemängelte, dass die Aufschüttung des Butte de Lion den Schlachtfeldkonturen ihre Schärfe genommen hätte.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Während die sogenannte Batavische Republik in nahezu ähnlichen Grenzen verlief wie die heutigen Niederlande, wurden die Niederlande nach der Niederlage Napoleon Bonapartes und durch den Wiener Kongress wiedervereinigt. Bereits 1813 riefen die Niederlande die Unabhängigkeit von Frankreich aus und ernannten den zurückgekehrten Wilhelm I., Prinz von Oranien-Nassau als souveränen Fürsten. (Wilhelm der I. ist Urenkel des Johann Wilhelm Friso, Fürsten von Nassau-Dietz aus dem heutigen Rheinland-Pfalz. Wer mal an der Lahn war kennt Nassau.) Weite Teile des heutigen Belgiens und Luxemburg fielen an die Niederlande. Ein Zustand der nicht lange anhielt, denn die religiösen und kulturellen Spannungen zwischen den Katholiken im Süden und den Protestanten im Norden waren zu groß. Hinzu kam, die nördlichen Niederländer bzw. Holländer waren im Handel groß, der Süden war industriell fortgeschrittener. Auch sprachlich war nicht auf einen Nenner zu kommen, der Belgien bis heute nicht gelungen ist, Wallonien im Süden sprach französisch, der Norden flämisch. Mit der belgischen Revolution erklärte sich Belgien 1830 vom Norden unabhängig.

Ein Kegel mit einem halben Kilometer Umfang - Nahezu 300.000 m3 Erde trugen die Boteresses (Hutträgerinnen) aus Lüttich bis 1826 zusammen. Sie häuften einen 42 Meter hohen kegeligen Hügel an.

Ein Kegel mit einem halben Kilometer Umfang

Nahezu 300.000 m3 Erde trugen die Boteresses (Hutträgerinnen) aus Lüttich bis 1826 zusammen. Sie häuften einen 42 Meter hohen kegeligen Hügel an.
Photo: Thomas Schürmann, Sigma DP Merrill,

Und in exakt diese kurze Periode der Einigkeit von nur 15 Jahren fiel die Errichtung des Löwenhügels auf dem damals niederländischen Acker. Wilhelm der I. ließ die Erde von den Äckern des Schlachtfeldes von Waterloo zu einem spitzen Kegel aufhäufen, um der Verletzung seines Sohnes, dem niederländischen Prinzen von Oranien, dem späteren Wilhelm II. auf dem Schlachtfeld von Waterloo zu gedenken. Verantwortlich für das Projekt war der niederländische Architekt Charles Van der Straeten (1771-1834), nach dem der Pyramidenentwurf seines Wettbewerbers Jean-Baptiste Vifquain abgelehnt worden war.

Nun, eine Pyramide in Belgien, das wäre auch etwas gewesen. Noch symbolischer.

Der Löwenhügel mit der Rotunde von 1911 - Erst 1863 bis 1864 ließ man die Treppe auf den Hügel bauen. Der Hügel war mehrmals einsturzgefährdet, heute sichern eingeschlagene Holzpfähle die Böschung.

Der Löwenhügel mit der Rotunde von 1911

Erst 1863 bis 1864 ließ man die Treppe auf den Hügel bauen. Der Hügel war mehrmals einsturzgefährdet, heute sichern eingeschlagene Holzpfähle die Böschung.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Nahezu 300.000 m3 Erde trugen die Boteresses (Hutträgerinnen) aus Lüttich bis 1826 zusammen. Die Stelle soll den Platz markieren, an dem der niederländische Thronfolger als Befehlshaber des niederländischen Heeres bei Waterloo am späten Nachmittag des 18. Juni 1815 verwundet wurde.

Als Krönung ließ Wilhelm I, König der Niederlande dem Kegel einen Löwen aufsetzen, dessen Tatze als Zeichen des Friedens auf einer Kanonenkugel ruht. Entworfen wurde der Löwe vom flämischen Bildhauer Jean-Louis Van Geel, einem vielbeschäftigten Bildhauer aus Brüssel. Der Guss des Löwen fand in 4 Teilen in der Gießerei Cockerill im heute belgischen Seraing, Provinz Lüttich statt, in dem sich das Schloss und Stammwerk der englischstämmigen Cockerills befand. Die 4,45 Meter hohe und 4,50 Meter breite Bronzefigur wiegt 28 Tonnen und blickt natürlich perfekt nach Süden. (Quelle: Wikipedia)

Ein Tor - Ich mag Tore einfach gern. Sie führen immer irgendwo hin.

Ein Tor

Ich mag Tore einfach gern. Sie führen immer irgendwo hin.
Photo: Thomas Schürmann, Sigma DP Merrill, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG

Erst 1863 bis 1864 ließ man die Treppe auf den Hügel bauen. 1911 gestaltete der Architekt Franz Van Ophem eine Rotunde, die neben dem Hügel errichtet wurde. Sie enthält ein gemaltes Panorama, das verschiedene Szenen der Schlacht zeigt. Etwas zurückhaltender ergänzte man 2015 eine offizielle Gedenkstätte und ein Museum, dass vollständig unter die Erde verlegt wurde. Seit dem ist der Zugang zum Löwenhügel kostenpflichtig.

Wir haben uns dem Löwenhügel aus der Ferne genähert und diese Annäherung erwies sich als vielversprechend und lohnenswert. Die Landschaft öffnete sich unseren Augen auf eine besondere Weise. Den Löwenhügel selbst haben wir nicht bestiegen. Es blieb ein aufmerksamer Blick mit Abstand.

Chaussee de Bruxelles, Frasnes-lez-Gosselies - Harte Realitäten an den Hauptstrassen - kein Baum trübt das Bild.

Chaussee de Bruxelles, Frasnes-lez-Gosselies

Harte Realitäten an den Hauptstrassen - kein Baum trübt das Bild.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Auf den zweiten Blick

Nach Charleroi

Vom Löwenhügel ging es auf der breiten N5 Richtung Süden - nach Charleroi. Belgische Landstraßen sind grausam, und damit meine ich nicht die Fahrbahnqualität, es sind die Folgen für die Orte, die in Fassaden und Straßenbildern ihre tiefen Spuren hinterlassen.

Chaussee de Bruxelles, Frasnes-lez-Gosselies - Was wohl mal in der kleinen Einbuchtung stand. Eine Marienfigur vielleicht?

Chaussee de Bruxelles, Frasnes-lez-Gosselies

Was wohl mal in der kleinen Einbuchtung stand. Eine Marienfigur vielleicht?
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Trotzdem lohnt es sich von der Nationalstraße abzufahren und Nähe zu diesen Orten zu suchen und sie zu entdecken. Und so sind wir in Frasnes-lez-Gosselies gelandet. Ich stieg aus, um die Fassade und den Straßenzug zu fotografieren.

Adelige Einfriedungen - Noch ein Tor.  Es lag gegenüber dem Château de Dobbeleer. Kein Vieh auf der Weide. Das finde ich immer schade.

Adelige Einfriedungen

Noch ein Tor. Es lag gegenüber dem Château de Dobbeleer. Kein Vieh auf der Weide. Das finde ich immer schade.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Dabei stieg mir der verführerische Duft einer Bäckerei in die Nase und schließlich sind wir in einer gut ausgestatteten Filiale der südbelgischen Boulangerie- und Pâtisserie Kette Schamp gelandet und haben uns eine köstliche Käsequiche und ein leckeres Brot gekauft. Beim Wenden sah ich ein interessantes Gebäude durch einen Straßenzug aufblinzeln und so haben wir unser Picknick vor dem Château de Dobbeleer gemacht. Das kleine und bescheiden wirkende Château ist heute ein Mehrgenerationenhaus mit 23 Wohneinheiten und einem schönen biodynamischen Garten.

Vom Chateau kann man an den alten Schloßmauern entlang zur kleinen Kapelle Notre-Dame du Roux von Frasnes-lez-Gosselies laufen, die einmal Teil einer heute verschwundenen Benediktiner Priorei war. Auch die erhaltene Schöffenkammer in der Nähe des Schlosses ist sehenswert.

 

Die Schöffenkammer - Neben dem Schloss liegt noch die alte Schöffenkammer von Frasnes-lez-Gosselies. Ein schöner Spaziergang.

Die Schöffenkammer

Neben dem Schloss liegt noch die alte Schöffenkammer von Frasnes-lez-Gosselies. Ein schöner Spaziergang.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Weiter ging es auf der N5 in den Süden und bei der Abfahrt Gosseles unterquerten wir die E42, passierten den kleinen Flughafen Charlerois und fuhren in die wunderschönen Gewerbegebiete ein, die heute ja eigentlich jeden Ort Europas auf so wundersame Weise einzurahmen scheinen.

Es fing an zu regnen. Es sollte noch gewaltig regnen. Planänderung für schlechtes Wetter. Man sollte immer einen Plan für schlechtes Wetter haben. Ein Plan wirf keine doofen Diskussionen auf, niemand hat schlechte Laune, unser Plan war ganz einfach. Wenn es regnet besuchen wir das Bergwerksmuseum Le Bois du Cazier im Stadtteil Marcinelle. Durch ein Unwetter mit fast Nullsicht machten wir uns über die unübersichtliche Stadtautobahn auf den Weg. Ein Abenteuer für meinen Sohn, der am Lenkrad saß und so etwas noch nicht erlebt hatte.

Klischee und Tragik

Spirou! Spirou! Der Stadtteil Marcinelle

Unverhofft sind wir jetzt doch in einem belgischen Klischee gelandet. Denn Marcinelle ist in erster Linie nicht für das Bergwerk Le Bois du Cazier berühmt, sondern für die École Marcinelle und die vielen aus ihr hervorgegangenen Comic-Künstler wie Jijé, André Franquin, Morris, Willy Maltaite, Peyo, Eddy Paape, Maurice Tillieux, Jean Roba, Derib, Victor Hubinon und viele mehr. Erst die Auflistung der von diesen Künstlern gezeichneten Figuren verdeutlicht die Bedeutung dieser Künstler und des Verlages, denn es sind nicht weniger als Spirou und Fantasio, Gaston, Lucky Luke, Harry und Platte, die Schlümpfe, Onkel Paul, Felix und Jeff Jordan, Boule & Bill aka Schnieff und Schnuff in Deutschland, Yakari und Buddy Longway in gleicher Reihenfolge.

Jean Dupuis gründete 1922 seinen Verlag Dupuis der neben den bekannten Zeichnern auch seit 1938 ein Magazin herausgab, dessen Figur bis heute bekannt und berühmt ist: Spirou. Somit ist Marcinelle als eine der größten Comic-Schmieden Europas zu betrachten und im Fortgang entwickelte sich Spirou neben Tintin zu einem der führenden Comicmagazine in Europa. Jean Dupuis starb 11. Oktober 1952 in Marcinelle, Belgien.

Comics sind lustig. Das Bergbaumuseum war es nicht. Das soll nicht heißen, dass der Besuch sich nicht gelohnt hat, im Gegenteil. Aber die erzählten Geschichten und wiedergegebenen Bilder, Ereignisse und Videos haben uns mitgenommen. Lest selbst:

Fördergerüst des nördlichen Schachts - Le Bois du Cazier, hier starben 1956 262 Mineure bei dem schlimmsten Minenunglück Belgiens.

Fördergerüst des nördlichen Schachts

Le Bois du Cazier, hier starben 1956 262 Mineure bei dem schlimmsten Minenunglück Belgiens.
Photo: Thomas Schürmann, Sigma DP Merrill, Samsung Galaxy S7

Tutti Cadaveri

Le Bois du Cazier

Der vollständige Name des stillgelegten Bergwerks lautete Société anonyme des Charbonnages du Bois du Cazier in Marcinelle und geht auf zwei Namen zurück, den eines kleinen Waldes (Bois heißt auf französisch Holz) und den Baron Jean-Baptiste de Cazier, von dem eine Eulalie Desmanet de Biesme den Wald und die Rechte an der dort befindlichen Kohle erwarb.

Insgesamt drei Schächte wurden für den Kohlebergbau gegraben, und in einem dieser Schächte ereignete sich am 8. August 1956 das schlimmste Minenunglück Belgiens, bei dem 262 Mineure, zumeist Italiener starben.

Das Bergwerk hat zu dieser Zeit zwei aktive Schächte, die bis in eine Tiefe von fast 1200 Metern reichen. Einer der Schächte dient dem Einlass von Luft, der andere der Abluft. 274 Mann werden in den Körben, die je 8 Kabinen mit 5 Mann fassen in beiden Schächten in die Tiefe gefahren. In den Körben können die Männer aus Platzgründen nicht stehen sondern nur hocken. Ein beängstigendes Bild zeigt es in der Ausstellung.

Neben den Männern werden mit den Körben natürlich die Kohlekarren nach oben transportiert, in den Schächten verlaufen zahlreiche Versorgungsleitungen, neben denen für Wasser auch Druckluftschläuche und Hydraulikstränge, in denen das Hydrauliköl unter dem Druck von 6 kg/cm2 steht. Daneben liegt eine Stromleitung mit 6kv und ein Klingeldraht, mit denen Transportsignale übermittelt werden. Unter Tage ist das Bergwerk 875 ha groß und es dauert bis zu 40 Minuten, bis die Männer ihre Abbaustelle erreicht haben.

Am Morgen des 8. August 1956 führen dann Kommunikationspannen, technische Mängel, Sicherheitsprobleme und eine Verkettung von Umständen dazu, dass einer der Kohlenwagen nicht richtig in den Aufzug geladen wird und außen übersteht. Fatalerweise setzt sich der Aufzug in Bewegung, der Kohlenhunt schleift im Schacht mit, reißt die, an den Wänden des Lufteinzugsschachts montierten Leitungen auf. Zerrissene Öldruck- und Luftdruckleitungen entzünden sich am geborstenen Hochspannungskabel - eine Flammenfront rast durch die Grube. Zunächst unbemerkt an der Oberfläche - weil der Einzugsschacht die Luft in den Schacht saugt, fahren weiterhin Mineure in den Schacht hinab - eine Reise in die Hölle ohne Wiederkehr.

Ausgerüstet mit Dräger-Rettungsgeräten versuchen die ersten Retter verzweifelt zu den von den Flammen Eingeschlossen vorzudringen- auch durch den neuen, dritten Schacht. Ein schwieriges, vergebliches Unterfangen. Dicke Schwaden Rauch dringen jetzt aus dem zweiten Schacht, der schwarze Rauch alarmiert die Angehörigen, die in Marcinelle oder auf dem Gelände selbst in grässlichen Betonröhren hausen. Bald drängen sich am Tor die Frauen und Kinder der Bergleute, Angehörige erheben ihre Stimme und verlangen Aufklärung, Gehör.

Nur 13 Männer und ein 16-jähriger Junge konnten gerettet werden. Die Bergung der Leichen sollte drei Wochen dauern, fast alle Bergleute starben an Erstickung. Nie werde ich die italienischen Worte vergessen, die einer der ersten Italiener, der aus der Grube wieder nach oben kam aussprach:

„Tutti cadaveri“ - Alles Leichen.

Von den 262 Toten sind 136 Italiener, 95 Belgier und die anderen stammen aus anderen Nationen. Die italienischen Dörfer Manoppello und Lettomanoppelloj in den Abruzzen mussten das Ableben von neunundzwanzig ihrer eigenen beklagen. Der Zustrom italienischer Einwanderer in den belgischen Bergbau kam durch das Unglück im Grunde zum vollständigen Erliegen.

Über 200 Frauen machte das Unglück zu Witwen und die Kinder zu Halbwaisen.

Die juristische und zivilgesellschaftliche Aufarbeitung des Unglücks gestaltete sich sehr schwierig. Eine eingesetzte Kommission untersuchte das Unglück, es kam zu einem erstinstanzlichen Prozess, in dem alle Angeklagten freigesprochen wurden. In der Revision kam es zu einer Verurteilung zur Bewährung, daraufhin legten die unterstützenden Parteien Kassationsbeschwerde ein, ein allerletztes Rechtsmittel. Sechs Jahre nach dem Unglück spricht sie ihr Urteil und hebt den Spruch des Berufungsgerichtes auf. Während sich die Betroffenen vom Prozess abwenden, gelingt es den Inhabern sich mit den Familien außergerichtlich zu einigen, jedes Opfer erhält 3000 France Entschädigung. Weitere juristische Folgen gab es nicht. Das Bergwerk wurde 1967 endgültig geschlossen, auch als Folge der neuen Auflagen, die europaweit von der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) für alle Zechen in der Wallonie verfügt wurden.

Nach der Ausstellung mussten wir an die frische Luft und erst einmal tief durchatmen. Die Ausstellung ist sehr gut gemacht, aber beeindruckt sensible Naturen wie mich doch sehr.

Da die Cafeteria des Museums von einer Schulklasse belagert wurde, machten wir uns angesichts der aufscheinenden Sonne in die Innenstadt Charlerois auf. Nichts, was ins Glück führen sollte.

Der Blumenladen  - Wenigstens etwas Licht in die Tristesse des Tages brachte dieser Blumenladen.

Der Blumenladen

Wenigstens etwas Licht in die Tristesse des Tages brachte dieser Blumenladen.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

An der Sambre

Charleroi

Charleroi, wallonisch Tchålerwè gesprochen, ist eine belgische Stadt in der Provinz de Hainaut (Hennegau) am Fluß Sambre. Die Stadt mit über 200.000 Einwohnern liegt direkt in einem Kohlebecken und gehörte zur Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts zu dem meistindustrialisierten Städten Europas. Bedingt durch die Kohlelagerstätten wurde Charleroi zu einem Zentrum der wallonischen Kohle- und Stahlindustrie und einem frühen Zentrum der Arbeiterbewegung.

Einkaufspassage - Wenn sie das Elend nicht direkt bringen, dann vielleicht später. Für die Einöde vieler Städte sind Einkaufspassagen maßgeblich verantwortlich.

Einkaufspassage

Wenn sie das Elend nicht direkt bringen, dann vielleicht später. Für die Einöde vieler Städte sind Einkaufspassagen maßgeblich verantwortlich.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Der Strukturwandel, den das Ruhrgebiet in Teilen hinter sich hat, der wird Charleroi noch eine Weile begleiten. Erste Werksschließungen in den 2010-Jahren führten zu einer hohen Arbeitslosigkeit und einem Schrumpfen der Bevölkerung. Es gelang diesen Trend durch die Ansiedlung eines Technologieparks und von Einrichtungen der Université libre de Bruxelles zumindest teilweise aufzuhalten.

Die gute Gründerzeit - Übernehmen ist möglich - Es ist nicht so, dass sich nicht schöne Kleinodien wie diese schöne Fassade finden lassen, aber durch die ausgestorben wirkenden Geschäfte macht Charleroi einen sehr abweisenden Eindruck

Die gute Gründerzeit - Übernehmen ist möglich

Es ist nicht so, dass sich nicht schöne Kleinodien wie diese schöne Fassade finden lassen, aber durch die ausgestorben wirkenden Geschäfte macht Charleroi einen sehr abweisenden Eindruck
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

In der Innenstadt angekommen finden wir kein blühendes Leben vor, dabei liegt Charleroi, was den Vergleich bei Theatern und Bibliotheken mit anderen belgischen Städten betrifft, über dem Durchschnitt.  Die Innenstadt erscheint am Freitagnachmittag wie ausgestorben. Keiner von den 200.000 Einwohnern scheint sich zum Einkaufen in die Stadt zu verirren. Sind wir vielleicht in der falschen Einkaufszone gelandet? Etwas verstört laufen wir umher, finden aber keinen Zugang zur Innenstadt von Charleroi. Ob nun von den Ereignissen im Bergwerk noch deprimiert oder durch die ausgestorben wirkende Innenstadt von Charleroi ernüchtert, wir verlassen die wallonische Metropole in Richtung Westen auf der N90. 

Stahlwerke - Viel ist nicht geblieben von der Blütezeit der Stahlindustrie, in dieser ehemaligen Hochburg von Kohle und Stahl im Süden Belgien.

Stahlwerke

Viel ist nicht geblieben von der Blütezeit der Stahlindustrie, in dieser ehemaligen Hochburg von Kohle und Stahl im Süden Belgien.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Dabei durchfahren wir die noch verbliebenen mächtigen Stahlwerke an der Sambre und geraten auf wundersame Weise wieder metaphorisch mit dem Löwen vom Butte De Lion in Kontakt, denn 1966 gingen die Stahlwerke der Forges de La Providence an den Stahlkonzern Cockerill-Ougrée, der sich auf den gleichen Cockerill gründet, der sich 1817 vom niederländischen König Wilhelm I. das Schloss von Seraing gekauft hatte und für den Guss des Löwen auf dem Löwenhügel verantwortlich zeichnete.

Wallonien ist grün - Ausblicke über die Nebentäler der Sambre

Wallonien ist grün

Ausblicke über die Nebentäler der Sambre
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Durch die Hügel

Nach der Abbaye d'Aulne

Von der N90 zweigt man hinter dem letzten großen Kreisverkehr auf den Chemin de Hameau, den Weg des Weilers/Gehöfts ab. Die Straße führt uns am Kalksteinbruch vorbei und windet sich über die erstaunlich erhabenen Hügel an kleinen Gehöften entlang wieder bei Landelles zur Sambre hinunter. Die zweigleisige Strecke von Charleroi über Maubeuge nach dem französischen Saint-Quentin windet sich an der Sambre entlang und dominiert auf ihrem Damm eindrucksvoll das beengte schmale Flusstal.

Ein Hof - Verlässt man die Flusstäler in der Wallonie, geht es ganz schön hügelig zu.

Ein Hof

Verlässt man die Flusstäler in der Wallonie, geht es ganz schön hügelig zu.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Schon wenig später erreichen wir die Ruine der Abbaye d'Aulne und unsere Unterkunft, dieL'Auberge de L'Abbaye, ein kleines Hotel mit nur 6 Zimmern, dass ich ausdrücklich empfehlen kann. Unser Key öffnet die Eingangtür und die Schlüssel liegen für unser Zimmer auf dem Tresen bereit. Eine schmale Stiege geht es im ehemaligen Torhaus nach oben in die erste Etage zu unserem beeindruckenden Zimmer, wo wir liegend vom in der Mitte des Zimmers stehenden Bett die Abtei sehen können. Das Zimmer hat 2 gegenüber liegende Fenster und beeindruckende Natursteinwände.

Abbaye d'Aulne - Angeblich geht die Gründung des Klosters auf das Jahr 656 zurück. Zunächst als Benediktinerkloster gegründet, wird es 1148 in eine Zisterzienser-Abtei umgewidmet. 1794 wird das Kloster im Rahmen der Säkularisation der französischen Revolution aufgelöst und niedergebrannt. Die einmalige Bibliothek mit 40.000 Büchern und 5000 Manuskripten ging in Flammen auf.

Abbaye d'Aulne

Angeblich geht die Gründung des Klosters auf das Jahr 656 zurück. Zunächst als Benediktinerkloster gegründet, wird es 1148 in eine Zisterzienser-Abtei umgewidmet. 1794 wird das Kloster im Rahmen der Säkularisation der französischen Revolution aufgelöst und niedergebrannt. Die einmalige Bibliothek mit 40.000 Büchern und 5000 Manuskripten ging in Flammen auf.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 20.05.2022

Dann haben wir einen Fehler gemacht. Wir sind zum Essen nach Thuin gefahren. Wir wollten uns dort die hängenden Gärten auf der Südseite der Stadt anschauen und dort etwas essen gehen. Leider kann man im eigentlich schönen Ortskern, der sich auf einen oberen Teil mit Belfried und an den Teil an der Sambre verteilt, weder Lebensmittel kaufen noch etwas Essen gehen. Das einzige Restaurant ist ein Steakhaus / Imbissbude mit schwarzen Möbeln in einem 30 m tief erscheinenden ehemaligen Supermarkt. Und alle Supermarktbodenfliesen sind noch da. Gruselig.

An der Sambre - Unser Picknick-Platz

An der Sambre

Unser Picknick-Platz
Photo: Thomas Schürmann, Samsung Galaxy S7, 20.05.2022

Wenn das früher einmal der Supermarkt war, dieser jetzt nicht mehr da ist, dann ist es kein Wunder, dass auch Thuin um 17 Uhr am Nachmittag nicht wie das blühende Leben daherkommt. Die hängenden Gärten sind schön und ein echtes Highlight, aber wer einem Ort den Supermarkt in der Ortsmitte herausreißt und auf den Hügel in einen neuen LIDL verlegt, der schleift im Grunde alle weiteren Geschäfte gleich mit. Schade, denn auch um den schönen Platz um den Beffroi de Thuin haben wohl, vielleicht auch Corona bedingt, alle ansehnlichen Geschäfte geschlossen.

Hier der Tipp, den wir beim nächsten Mal beherzigen. Gut essen kann man direkt in unmittelbarer Nähe der Klosterruine, dazu hätten wir nicht nach Thuin fahren sollen, brauchen. Zum Beispiel in der Brasserei - Taverne de l'Abbaye d'Aulne oder im Au Brief de Moulin, in den Caves de l'Abbaye d'Aulne, in der Brasserie L'Ecluse, direkt an der Schleuse auf einer kleinen Insel in der Sambre gelegen oder im schick aussehenden La Guingette - und das alles nur 1 Fußminute von unserem Hotelzimmer entfernt. Seufz.

Was haben wir stattdessen gemacht? Wir haben uns in Thuin im auf dem Hügel liegenden LIDL eingedeckt und am Schleusenkanal gepicknickt. In diesem Sinne ging dann auch mein Geburtstag zu Ende. Zünftig finde ich und zu bereuen gab es nichts. 95 % der Lebenszeit verbringe ich in geschlossenen Räumen, ich esse gerne an der frischen Luft mit schöner Aussicht. Einen Wein gab es auch. Was will ich mehr.

Im nächsten Teil geht es über viele kleine Straßen nach Reims.

Update

7.November 2022: Im Absatz unter dem Kapitel "Der Löwenhügel - Butte du Lion" habe ich einen kurzen Text und Link zu einem Twitter-Thread über den Verbleib der Waterloo-Gefallenen und ihrer Gebeine ergänzt.

Conclusio

Unsere Reise von Brüssel bis zur Abbaye d'Aulne führte und vorbei am Löwenhügel bei Waterloo, zum Bergwerksmuseum Bois du Cazier, dem Stadtteil Marcinelle und der Stadt Charleroi im Tal der Sambre.

Kommentare (2)

  1. Uwe Jockel 17. Juni 2022

    Lieber Thomas. Deine Reisebeschreibung macht wirklich Lust, in die Wallonie zu reisen. Die Photos, besonders die Schwarzweißaufnahmen, sind mit gutem Blick aufgenommen.
    Vielen Dank für den schönen Artikel. Ich freue mich schon auf Fortsetzungen!

  2. Thomas 20. Juni 2022

    Danke für Deinen Kommentar, Uwe! Das motiviert mich sehr!


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