Conclusio Thomas Schürmann de

Durch die Wallonie IV

Die weißen Felder - unterwegs in der Champagne

Rabelais'sche Saftigkeit - Blick auf die Montagne de Reims. Im Mai verströmt die Natur eine nahezu Rabelais'sche Saftigkeit.

Rabelais'sche Saftigkeit

Blick auf die Montagne de Reims. Im Mai verströmt die Natur eine nahezu Rabelais'sche Saftigkeit.
Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 22.05.2022

Unter der Oberfläche des Rebenmeeres treiben die Geschichten wie Wracks in den Ozeanen umher und warten auf ihre Entdeckung. Sie machen die Champagne zu mehr als einer oberflächlichen Schaumweinlandschaft, zu einem Abenteuer, dass es zu entdecken gilt.

 - Die Champagne ist mehr als nur Champagner. Die großen Ackerflächen waren und sind namensgebend für diese Landschaft und historische Provinz Frankreichs. 1065, ein Jahr vor dem Sieg der französischen Normannen bei Hastings, entstand sie aus einer pfälzischen Grafschaft heraus.

Die Champagne ist mehr als nur Champagner. Die großen Ackerflächen waren und sind namensgebend für diese Landschaft und historische Provinz Frankreichs. 1065, ein Jahr vor dem Sieg der französischen Normannen bei Hastings, entstand sie aus einer pfälzischen Grafschaft heraus.
Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 22.05.2022

Fäden spinnen

Es ist alles ein Europa

Unser Bild der Champagne ist ein fast so abgenutztes Klischee wie das von Belgien. Tausende Male in unseren Bildspeicher gedruckt, immer wieder geprägt, von Klein auf. Champagne ist Champagner, das war es schon. Dementsprechend oberflächlich schauten wir uns am letzten Tag unserer Reise einen Teil der Champagne an, die viel mehr zu bieten hat, als nur Flächen, auf denen Wein angebaut wird. Denn es ist möglich, in die Geschichte der Champagne ebenso abtauchen, wie in das Meer aus Rebstöcken, die über die flachen Hügel in die breiten Täler voller Kalk- und Kreidesedimente wogen. Unter der Oberfläche warten spannende Geschichten, bei denen immer die Gefahr besteht, dass man nicht aus ihnen auftaucht. 

Natürlich stimmt der schon der Titel dieses Berichtes nicht. Es ist Sonntag, es ist unser letzter Tag und wir haben die Wallonie und die nördlichen Ausläufer der straff gewellten Ardennen hinter uns gelassen. Wir sind in unserem schönen Hotel in Reims und genießen unser üppiges, abwechslungsreiches Frühstück und planen unseren Tag. Wir reisen heute nicht durch die Wallonie, wir reisen durch die Landschaft, die dem wichtigsten Luxusexportartikels Frankreichs neben der Mode ihren Namen gegeben hat: die Champagne.

In diesem hoffentlich angemessen kurzen Bericht (leider konnte ich meine eigenen Erwartungen nicht erfüllen, ich gebe es zu) geht es um Kreide, Halbwaisen, um Geschwister von schottischen Hämmern, um Rosenkriege und Könige, um Mrs Marvel Jr. und ein Kind, das mit 12 Fingern auf die Welt kam. Es geht um diverse Leuchttürme und ihre Architekten, deren Kinder, schwarze Pfeile und Windmühlen. Nicht um Don Quixote. Nein. Doch. Aber es geht um einen englischen Diplomaten, Flaschen, Schiffsbau (ja!) und um Champagner, aber den nur am Rande, das liegt daran, dass ich lieber Crémant trinke.

Champs

Die kreidige Landschaft

Im ersten Teil sind wir nach Brüssel gereist, im zweiten Teil ging es über den Löwenhügel bei Waterloo und die Industriestadt Charleroi zu unserem Schlafplatz direkt neben der Abbaye d'Aulne. Im dritten Teil fuhren wir von der Abteil d'Aulne über Chimay in die nördlichen Ausläufer der französichen Ardennen ein und fanden uns am späten Nachmittag zu Fuße der majestätischen Kathedrale von Reims wieder.

Champs - das ist ein altfranzösisches Wort, das dem lateinischen campus entlehnt ist - und mit dem italienischen Wort für Kampagne, das in der Renaissance in Frankreich auftauchte, verwandt ist. Es ist ein Toponym, ein Eigenname für der Erdoberfläche zugehörige Geländeobjekte, in diesem Fall für eine offene, kreidige Landschaft, meist eine Ebene oder ein Plateau. (Interessant, bei kreidiger Landschaft denke ich an etwas sehr Vergängliches, leicht Wegwischbares. Abkreiden, das sagt man bei Außenfarbe auf Ölbasis.) Die lateinische Sprache bezeichnet mit dem seltenen Wort Campanenses Menschen, die in der Ebene wohnen.

Wir reisenden Deutschen kennen diesen Ausdruck auch von den Champs Élysées, verkürzt für die Avenue des Champs Élysées, die elysischen Felder, die auf den Arc de Triomphe d'Étoile zu streben (Siehe auch:Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit).

Die großen Ackerflächen waren und sind namensgebend für diese Landschaft und historische Provinz Frankreichs. 1065, ein Jahr vor dem Sieg der französischen Normannen bei Hastings, entstand sie aus einer pfälzischen Grafschaft heraus. Während Troyes der historische Hauptort der Champagne ist, hat Reims der Stadt weiter im Süden schon lange an Bedeutung den Rang abgelaufen. Auch weil in Reims vom zwölften bis zum 19. Jahrhundert die französischen Könige gekrönt wurden. Zudem ist Reims ein Ort, an dem bis heute, die nach dem zweiten Weltkrieg so wichtigen, deutsch-französischen Beziehungen gepflegt werden. (Ein Grund, warum Ihr dieses Blog in drei Sprachen lesen könnt.)

Die Champagne teilt sich heute in die Kommunen und Départements Yvonne, Seine-et-Marne, Aube, Marne, Ardennes, Meuse, Haut-Marne und Cote-D'Or auf. Reims liegt am nördlichen Rand der Champagne und wir waren den ganzen Sonntag eigentlich auch nur im Département Marne unterwegs.

Karte des Weinbaugebiets der Champagne. - Südlichwestlich von Reims herrscht die größte Dichte von Flächen, die zur kontrollierten Herkunftsbezeichnung gehören.

Karte des Weinbaugebiets der Champagne.

Südlichwestlich von Reims herrscht die größte Dichte von Flächen, die zur kontrollierten Herkunftsbezeichnung gehören.
Photo: Thomas Schürmann, Quelle: Champagne (AOC),

Champagnerrunde

Route du Champagne - Montagne de Reims

Von Reims sind wir Richtung Gueux aufgebrochen, wir wollten uns einen Eindruck von den Orten in der Champagne machen, die für eines der erfolgreichsten Exportprodukte Frankreichs stehen, den Champagner. Wir reisen die Champagneroute ab, den nördlichen Teil, der sehr schön über 70 km vom Massif de Saint-Thierry über das Vallée de l'Ardre zum Tal der Marne und unserem Zielort Épernay führt.

„den sprudelnden Champagner, der arme, schmachtende Liebhaber schnell wiederbelebt”
- ein Londoner Barde um 1676. (Quelle: Champagne)

Den Champagner haben die Franzosen unter anderem dem Bischof von Châlons-en-Champagne Wilhelm von Champeaux zu verdanken. Er war gemeinsam mit Petrus Abaelardus (Pierre Abaillard), einem bedeutenden Vertreter der Frühscholastik, im 11. Jahrhundert in den sogenannten Universalienstreit verwickelt. (Es ging um die ewige Frage der Philosophen, kurz gesagt, ob es etwas Allgemeines wirklich gibt, oder Allgemeinbegriffe nicht in Wirklichkeit menschliche Erfindungen sind. Immerhin haben wir diesem Denkerstreit auch Wilhelm von Ockham und die Berühmtheit des Ockham'schen Rasiermessers zu verdanken.) Wilhelm von Champeaux „schenkte dem Abt des Benediktinerklosters Saint-Pierre-aux-Monts in Châlons eine Eigentumsurkunde über den gesamten Klostergrundbesitz aus („grande charte champenoise“), wozu auch Rebland des heutigen Anbaugebiets gehörte, u. a. Hautvillers, Cumières, Aÿ und Oger. Diese Urkunde gilt als Gründungsakte des Weinbaugebietes Champagne.” (Quelle: Champagner).

Schon während der Herrschaft von Heinrich IV. (1553 - 1610) setzte sich in der Hauptstadt Paris der Name Vin de Champagne durch, der auf Grund der kargen Böden nicht den besten Klang unter den großen Weinen Frankreichs hatte. (Zur Erklärung: Blauburgunder gedeiht nicht so gut auf kargen, kalkigen Böden, Chardonnay hingegen schon).

Der Wein wurde - so um 1660 - noch vor dem Ende der ersten Gärung in die Glasflaschen abgefüllt und jeder, der einmal Holundersekt selbst hergestellt hat, weiß, was dann passierte - - die Flaschen explodierten. Es waren die Engländer, die den Champenois den Wein abkauften, die im Frühjahr den Wein mit einer Art Dosage aus braunen Rohrzucker versahen und so den Champagner erfanden. Siehe Zitat des Barden oben.

Die Erfindung der widerstandsfähigen Weinflaschen mit vertieftem Boden und einer ringartigen Verstärkung verdankten die Franzosen dem ebenso den Erfindern jenseits des Kanals, hier dem englischen Diplomaten Sir Kenelm Digby. Digby war ein Freibeuter, Gründungsmitglied der Royal Society, Erfinder und und posthumer Kochbuchautor. 1615 hatte der, nachweislich über alle Massen korrupte, Sir Robert Mansell, Admiral und Parlamentsmitglied, angeordnet, dass die Glasindustrie in England kein Holz mehr verfeuern dürfe, es wurde für den Schiffbau benötigt. In Folge der Industrialisierung der britischen Glasindustrie durch den Umstieg auf Kohle als Heizmaterial, durch die Verbesserung Digbys stieg die Schmelztemperatur der Schmelzen, andere Zutaten wurden eingesetzt, festeres Glas und stabilere Flaschen wurden möglich.

Der Schiffsbau der Royal Navy als Motor der Umstellung auf Flaschengärung in der Champagne. Denn erst mit den stabilen britischen Flaschen war es möglich, die leichten, luftigen grauen Weißweine der Champagne zu kultivieren, die am Pariser Hof so begehrt waren.

Dom Pérignon

Schon seit der französischen Revolution soll die Marke Dom Pérignon dem Hause Moët angehören, die Familie erwarb die leer stehende Abtei Hautvillers mit umliegenden Weinbergen, in der Dom Pérignon (1638-1715), ein Kellermeister der Benediktinerabtei so viel zur Verbesserung des Champagners beigetragen haben soll. Er erfand das Cuvée, die Mischung des Weins aus verschiedenen Trauben; auch die Verschnürung des Korkens mit Schnur soll auf ihn zurückgehen. (Quelle: Wikipedia)

„Man trinkt zum Beispiel nie einen 53er Dom Pérignon, wenn er eine Temperatur über acht Grad hat. Das wäre genau so, als höre man den Beatles ohne Ohrenschützer zu!” - James Bond zu Dr. No im Film Goldfinger von 1964

Im Grunde ist die Geschichte des Champagners eine romantische Geschichte, ja, aber es geht auch um viel Geld, Champagner ist Big Business. Heute gehört Dom Pérignon zum Mutterkonzern Moët Hennessy - als Teil von Louis Vuitton Moët Hennessy, der allein dem französischen Milliardär Bernard Arnaud gehört. Das Mutterhaus setzt laut https://www.vinaria.at/ 2,2 Milliarden Euro im Jahr um und besitzt eine Rebfläche von 1600 ha. Da die Herkunftsbezeichnung auf die Rebflächen in der Champagne beschränkt ist, sind Rebflächen rar und entsprechend teuer. Laut meininger.de liegen die Preise zwischen 485.000 und 1,8 Millionen Euro. Man multipliziere mit 1600.

Wir fahren durch die Dörfer entlang der Montagne der Reims. Uns fällt auf, dass es viele Champagnerhäuser gibt, auch viele kleine, die lagenbezogene Champagner in kleinen Mengen herstellen, aber neben dem Champagner gibt es nichts. Keine Cafés, wenige bis keine Restaurants, wenig Attraktives. Zumindest die Rosen am Wegesrand fallen auf.

Rosen neben einer Rebenkultur - In der Regel stehen in Weinbaugebieten die Rosen als Krankheitsanzeiger neben Rebstöcken, da sie für Krankheiten anfälliger sind als die Reben und so noch vor der Erkrankung bereits Maßnahmen eingeleitet werden können.

Rosen neben einer Rebenkultur

In der Regel stehen in Weinbaugebieten die Rosen als Krankheitsanzeiger neben Rebstöcken, da sie für Krankheiten anfälliger sind als die Reben und so noch vor der Erkrankung bereits Maßnahmen eingeleitet werden können.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 22.05.2022

Rosa gallica officinalis

Das Haus Lancaster und die Rose von Provins

Rosen gibt es in der Champagne immer noch viele, heute aus anderen Gründen als noch vor mehr als 500 Jahren. Jetzt sind vor allem die Edelrosen, wie die auf dem Bild abgebildete, ein guter Krankheitsindikator für die Weinreben, die sich hinter ihnen in langen schmalen Reihen den Hügel hinauf erstrecken. Vor den Weinreben werden die Rosen krank, und die Winzer können unterstützende Maßnahmen für die Weinreben ergreifen. Dabei stellten schon im 13. Jahrhundert die Rosen ein, aus anderen Gründen wertvolles Produkt dar. Dazu schon gleich mehr.

"Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd!"
5. Akt, 4. Szene / König Richard III , von William Shakespeare, ca.1593

Es gibt eine interessante Verbindung der Champagne zum Hause Lancaster am englischen Königshof. Und somit zum zur Urversion von Game of Thrones, zum Rosenkrieg zwischen den beiden verfeindeten Adelshäusern York und Lancaster.

Diese Verbindung ist die Rosa Gallica officinalis, gerne auch Apothekerrose, Essigrose, Karmesinrose oder die Rose von Lancaster genannt. Sie ist die Grafschaftsblume von Lancashire und die offizielle Rose des Hauses Lancaster.

Die wertvolle Rosa Gallica fand ihren Weg aus Persien nach Zentraleuropa und Frankreich, wo ihr Wert damals ebenso geschätzt wurde, wie heute noch in Teilen des Irans. Schon die Griechen und Römer kultivierten diese einfache Rosenart. (mehr dazu hier: Wissenswertes über Rosen) Ihre Bekanntheit und ihren Erfolg verdankt sie ihrem Duft und dem aus den Abertausenden Blütenblättern gewonnenen Rosenöl, Rosenwasser und daraus bereiteten Rosenessig. Die Blütenblätter wurden auch gerne von Apothekern als Tee verwendet. Und bereits im 13. und 14. Jahrhundert kultivierte die Champagne den Anbau und trieb den Handel mit Erzeugnissen dieser Rose voran. Rosenkissen, mit Blütenblättern der Rosa Gallica gefüllte Kissen, wurden mit Gold aufgewogen. Durch eine Heirat kam es dann zu der genannten Verbindung nach England:

Blanche d'Artois (1248-1302), Halbwaise seit dem 2. Lebensjahr, Königin des Königreichs Navarra, die schöne Tochter der verstorbenen Mathilde von Brabant und des Grafen Robert I. von Artois, seit zwei Jahren Witwe des Prinzen Heinrich von Navarra-Champagne und nun selbst Regentin, ebensolche mit dem blassen vornehmen Antlitz heiratete 1276 Edmund von Lancaster, genannt Edmund Crouchback. Dieser Bruder von König Eduard I., solcher Eduard Langbein oder Hammer der Schotten genannt, beschließt, die Rose von Provins in seinem Wappen zu führen, die das zweite Haus Lancaster 1485 als Emblem seines Sieges über das Haus York am Ende des Zwei-Rosen-Krieges annehmen wird, die Lancaster-Rose. Quelle: Champagne (province)

Die Rosenkriege

Die Rosenkriege waren die mit Unterbrechungen von 1455 bis 1485 über 30 Jahre immer wieder aufflammenden Kämpfe zwischen den beiden rivalisierenden englischen Adelshäusern York und Lancaster. Beide Häuser trugen Rosen in ihren Wappen, das Haus York eine weiße Rose, das Haus Lancaster eine rote Rose, und diese hatte das Haus eben jener oben erwähnten Heirat in die Champagne zu verdanken.

Als Abkömmlinge des Hauses Plantagenet führten beide Familien ihre Stammlinie auf König Eduard III. zurück. In Scharmützeln und Gefechten, im andauernden Krieg mit blutigen und tödlichen Ausgängen für die beteiligten Lords und Könige - in der Schlacht von Bosworth fand Richard III., der letzte König aus dem Hause Plantagenet den Tod, siegte das Haus Lancaster über das von York, und Henry Tudor wurde in der Folge am 30. Oktober 1485 in London zum König Heinrich VII. gekrönt.

Shakespeare

Immerhin waren die Ereignisse so bedeutsam, dass sie William Shakespeare zu 8 Werken inspirierten, die direkt oder indirekt mit den Rosenkriegen zu tun haben, darunter unter anderem Richard III. und Heinrich V. Unerwähnt bleiben soll nicht, aus verschiedenen, sich hier in der Zukunft noch abzubildenden Gründen, dass auch der Sohn eines Leuchtturm-Architekten sich durch die Ereignisse zu einem Roman inspiriert sah, es war DER schottische Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters: Robert Louis Stevenson. Der Autor der Schatzinsel, der Schauernovelle über Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie des Reiseberichtes Travels with a Donkey in the Cévennes (1879), schrieb 1883 den Roman „Der schwarze Pfeil“ über den Rosenkrieg, im englischen Original „The Black Arrow, A Tale of the Two Roses“. 1985 verfilmte John Hough, der schon Stevensons Schatzinsel mit Orson Welles verfilm hatte, den Stoff mit Oliver Reed und Donald Pleasance in Hauptrollen.

Zurück in die Champagne.

Die Mühle von Verzenay - Auf dem Mont-Bœuf liegt eine, 1818 von der Familie Tinot-Vincent errichtete Getreidemühle. Heute gehört das Anwesen dem Champagnerhaus Mumm.

Die Mühle von Verzenay

Auf dem Mont-Bœuf liegt eine, 1818 von der Familie Tinot-Vincent errichtete Getreidemühle. Heute gehört das Anwesen dem Champagnerhaus Mumm.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 50 mm, 1.4 DG, 22.05.2022

Don Quixote

Do you see over yonder, friend Sancho, thirty or forty hulking giants? I intend to do battle with them and slay them.

Unsere Champagne-Route führt in wahrlich sänftenartig zu fahrenden Schwüngen die Hänge der Montagne de Reims hinauf und hinunter. Vor uns die Kuppe des Mont-Bœuf und mein Sancho Pansa, mein Fahrer scheint mir noch zuzurufen: „Nein, nicht mehr weit, immer geradeaus, (...), an den Windmühlen vorbei“, (Quelle: Astérix in Spanien) dass mir unversehens der Mantel der spanischen Kämpferlegende Don Quixote abfällt.

In der Tat fahren wir aber auf die Mühle von Verzenay zu, und ich habe mich für einen kurzen Moment wirklich wie der spanische Ritter gefühlt. Die Mühle liegt auf einer den Hügeln vorgelagerten Kuppe, dem Mont-Bœuf. Die Eheleute Tinot-Vincent errichteten sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Mahlen von Getreide. Knapp 75 Jahre lief sie, 1903 stellte die Mühle ihren Betrieb leider ein. Sie ist die letzte Überlebende ihrer Art aus dem 19. Jahrhundert.

Um die Mühle rankt sich eine schöne Geschichte, denn der neue Eigentümer kaufte sie für eigentlich 9000 Gulden, musste aber noch 1000 drauflegen, denn es war vereinbart, das jeder der Erben des Verkäufers 1000 Gulden bekam - und dann wurde unversehens noch einer geboren. 1923 gingen Mühle und Grundstück in das Eigentum des Hauses Hauses Heidsieck & C° Monopole über, 1949 wurde die Mühle originalgetreu restauriert, und wechselte von den Erben der Gründer dieses Hauses - Henri Louis Walbaum and Auguste Heidsieck - nochmals ihren Besitzer. Das Grundstück ging so 1972 an das Champagnerhaus Mumm, das dort bis heute einen außergewöhnlichen Ort mit weitem Ausblick auf die Champagne bereithält. An den Hängen des Mont-Bœuf und rund um die Grand Cru Lage Verzenay sind gerade die eher nördlich gelegenen, nicht so stark sonnenbeschienenen Hänge begünstigt, denn in zu vieler Sonne verlieren die Trauben ihren säurebetonten Charakter und werden geschmacklich schwer und stumpf. Hier dominiert der Pinot noir, der die eher schweren Böden an den Hängen gut verträgt, während in den Verzenay vorgelagterten Ebenen der Chardonnay dominiert. Wie schreibt es https://www.champagne-characters.com/ „Das bereits oben angedeutete weinbauliche Markenzeichen von Verzenay ist ganz klar sein Status als zuverlässiger Lieferant feinen, elegant frischen und nie ausladenden Pinot Noirs.“

Don Quixote, die Windmühlen und natürlich das leicht verkürzte Zitat aus Astérix in Spanien von 1969 führen zwangsläufig zu einem ganz großen Sohn der Champagne.

Eine Comiclegende

Captain Marvel Junior und 12 Finger aus der Champagne

Wir haben nicht mal vor einem Tag das Land der Comiclegenden verlassen und sind nun, ohne es uns recht zu versehen, wieder im Land einer anderen Comiclegende unterwegs. Er ist, bei der millionenfachen Auflage seiner Werke auf der ganzen Welt, ein bestimmt jedem bekannter Künstler; es ist der Zeichner und Autor Alberto Aleandro Uderzo aus Fismes, besser bekannt als Albert Uderzo, der als Sohn italienischer Einwanderer 1927 mit 12 Fingern an beiden Händen zur Welt kommt. Er sollte eine erstaunliche zeichnerische Karriere hinlegen. Mir gänzlich unbekannt zeichnete er 1950 einige Folgen von Capitaine Marvel Jr. (Quelle: Im Archiv gibt es die Zeichnungen), erfand gemeinsam mit René Goscinny 1954/1957 den jungen Reporter Luc Junior und seinen Hund, der Vorbild für eine andere berühmte Figur wurde: Tintin et Milou bzw. Tim und Struppi. Die Zusammenarbeit mit seinem Kollegen gipfelte 1959 bis 1977 in der Erfindung der Figur Asterix, die jedem geläufig sein dürfte. Die Comicserie um den kleinen Gallier, seinen Freund Obelix und die Bewohner des unbeugsamen gallischen Dorfes hat heute eine weltweite Gesamtauflage von 370 Millionen Bänden. (Quelle: http://www.kinonews.de). Und natürlich waren die Gefährten rund um den süßen, Bäume liebenden Hund auch einmal in Spanien. Und so kam das Treffen mit Don Quixote zu Stande.

Werbeplakat von Alfons Mucha von 1901 für Heidsieck & Co. Monopole - Alfons Mucha (1860-1939) war ein tschechoslowakischer Plakatkünstler, Illustrator, Grafiker, Maler und Kunstlehrer. Seine größten Erfolge hatte er in Paris, wo er in der brummenden Wirtschaftsekstase nach der Weltausstellung von 1889 unter anderem Sarah Bernhardt als Kleopatra illustrierte. Was ihm bei der Schauspielerin und Künstlerin einen 6-Jahres-Vertrag einbrachte.

Werbeplakat von Alfons Mucha von 1901 für Heidsieck & Co. Monopole

Alfons Mucha (1860-1939) war ein tschechoslowakischer Plakatkünstler, Illustrator, Grafiker, Maler und Kunstlehrer. Seine größten Erfolge hatte er in Paris, wo er in der brummenden Wirtschaftsekstase nach der Weltausstellung von 1889 unter anderem Sarah Bernhardt als Kleopatra illustrierte. Was ihm bei der Schauspielerin und Künstlerin einen 6-Jahres-Vertrag einbrachte.
Foto: Thomas Schürmann, , 1901

Flohmarkt in Saint Imoges auf unserer Strecke - An jedem Stand gibt es Champagnerdeckel zum Sammeln und Ordner zum Ablegen

Flohmarkt in Saint Imoges auf unserer Strecke

An jedem Stand gibt es Champagnerdeckel zum Sammeln und Ordner zum Ablegen
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma Art 28mm - 35mm/1:2 DG, 22.02.2022

Der Boden

Säure und Champagnerkreide

Champagner ist das beliebte Exportprodukt der Champagne, und es ist wirklich immens erfolgreich. Die Kombination der speziellen Böden, die unter anderem die gesamte Cuvée jeden Champagnerhauses auf ganz besondere Weise beeinflussen, sorgen dafür, dass Frankreich die weltweite Schaumweinproduktion dominiert.

Allein Moët Hennessy mit seinem Marken Veuve Clicquot, Moët & Chandon und Dom Pérignon verkauft pro Jahr über 60 Millionen Flaschen Champagner.

Dabei ist Dom Pérignon nicht das größte Haus in der Champagne. Mit seinen Marken Vranken, Demoiselle, Charles Lafitte 183, Pommery und Heidsieck & Co. Monopole ist Vranken-Pommery Monopole als die zweitgrößte Champagner-Gruppe einer der größten Wein- und Champagnerproduzenten Europas.

Laut Vinum.de ist der gesamte Umsatz mit Champagner 2021 noch einmal im Vergleich zu 2019 um 10 % auf 5,5 Milliarden Euro bei 315 Millionen verkauften Flaschen angestiegen.

Kein Wunder, dass auf jedem Flohmarkt in der Gegend Korkenkappen bzw. Flaschendeckel und Flaschendeckelsammelalben feilgeboten werden.

Dabei: Machen wir uns nichts vor. Weinanbau ist eine ebensolche Monokultur wie der Anbau von Mais, Kartoffeln oder Soja. Sein Anbau ist nur durch eine höhere kulturelle Anerkennung in der Gesellschaft möglich. Selbstverständlich ist ökologischer Weinanbau möglich - und natürlich wird in der Champagne Wein angebaut, nicht Champagner, insbesondere die Trauben Pinot Noir (Spätburgunder), Pinot Blanc (Weißburgunder) und Chardonnay machen 99,7 % der Fläche aus. Aber der ökologische Weinanbau ist eher die Ausnahme und selbst bei ökologischem Anbau bleiben die Rebflächen, zwar hübsche und ordentliche, in Reihe und Glied stehende Rebstockplantagen, aber eben doch Monokulturen. Das Bioweinportal geht davon aus, dass in etwa 20kg Pestizide pro ha Rebfläche ausgebracht werden. Zum Verständnis: 8000 kg bis 10.000 kg Trauben dürfen, je nach Jahr, pro Hektar geerntet werden. Auf die kann man die Pestizide einmal umrechnIn Frankreich bemüht man sich den Verbrauch der Pestizide erheblich zu reduzieren. Das wäre gut so.

Ein anderes Produkt, auf dem der feine Geschmack der Champagner beruht, das unter einer dünnen Vegetationskruste begraben liegt, ist ebenfalls von Alters her ein begehrter Exportartikel. Es ist die Kreide, in die die Reben bis zu 30 Meter tief hinein wurzeln.

Kreide

Champagnerkreide

Der Kreide ist es außerdem zu verdanken, dass die Champagnerhäuser über riesige Keller und Stollen verfügen, kilometerweit unterirdisch unter Reims und vielen anderen Orten der Champagne in die Kreide getrieben, gleichmäßig temperiert, um auf den Rüttelplatten Tag für Tag nach der Méthode Champenoise die Hefe in den Hals der Flasche zu rütteln, jeden Tagnur eine winzige Drehung, nur einen Hauch von Neigung mehr.

Kreide, das sind Ablagerungen von Milliarden von Kleinlebewesen, chemisch gesehen ist es Calcit beziehungsweise Calciumcarbonat, entstanden aus den Schalen von fossilen Organismen vor über 60 Millionen Jahren, hinabgesunken auf den Boden von uralten Meeren. Das Gestein ist porös, weshalb es sich sehr leicht zermahlen lässt. Kreide ist schon sehr lange ein kultureller Begleiter des Menschen, ob zum Schreiben, zum Malen als weniger giftige Alternative zum Bleiweiss, als entzündungshemmender Stoff zur Behandlung von Wunden, als Reinigungssubstanz, zum Polieren von Metall und natürlich zum Anstreichen im Hause, Kreide war zu allen Zeiten beliebt. Der Farbton von Champagnerkreide ist warm, überhaupt nicht so grell wie der von Titanweiß, einem modernen Pigment des 20. Jahrhunderts.

Das Pigment Kreide ist auch klassischer Bestandteil des Gesso, einer Grundierung mit der die alten Meister der Malerei ihre mit belgischem Leinen bespannten Leinwände grundierten.

Pigmentexperten unterscheiden die Champagnerkreide von der Rügener Kreide, die als Schlämmkreide bezeichnet wird und der Belgischen Kreide, die besonders weich ist. Auch Marmor ist im Grunde eine Form des Calciumcarbonats, aber mit einer völlig anderen Struktur, Härte und Verarbeitungsqualität. (Quelle:https://www.kremer-pigmente.com)

Zurück in die Champagne. Ein letztes Mal.

Phare de Verzenay - Kein Meer, kein Sturm, kein Schiff. Wem wird heimgeleuchtet? Wo ist die Dunkelheit, in die der Turm seine Lichtfinger ausstreckt?

Phare de Verzenay

Kein Meer, kein Sturm, kein Schiff. Wem wird heimgeleuchtet? Wo ist die Dunkelheit, in die der Turm seine Lichtfinger ausstreckt?
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800e, 22.02.2022

Über die Hügel

Ein Leuchtturm

Zugegeben, ich mag Rebflächen, ihre uniformierte, rasterförmige, linierte Strukturiertheit, ich mag es, wie sich die Rebschraffuren über die Hänge ausbreiten, an ihnen herunter wandern und wieder die Hänge hinauf, Muster bilden. Eine Landschaft wie ein mittelalterlicher Kupferstich, schraffiert, parallelisiert, uniformiert.

Über 30 Leuchttürme in Schottland und um es herum hat der Vater von Robert Louis Stevenson, Thomas Stevenson (1818 - 1887), in seinem Leben entworfen. 1818, das Jahr in dem die Windmühle auf Mont-Bœuf errichtet wurde kam er zu Welt, und was hätte er sich gewundert, so weit von der See, inmitten des Feldermeeres, erhaben über den wogenden Reben und Rispen von Weizen und Roggen, einen Leuchtturm zu erblicken.

Wie verlassen Verzenay, und sehen ihn direkt vor uns, einen Leuchtturm, er ragt aus dem Berg Rizan empor und ist eine richtige Attraktionmit Parkplatz, Zugangssteg, Champagnerbar und einem sehr schönen Park neben dem Leuchtturm. Hier kann man sich bei leichtem Wind stundenlang aufhalten, die wunderschöne Aussicht genießen. Nur kein Schiff steuert auf uns zu, kein Strahl leuchtet hinaus in keine Dunkelheit, alles ist nur Licht, Heiterkeit und Wonne.

Dabei ist die Geschichte des Turms prosaisch erzählt, denn er war eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete Werbemaßnahme für das Champagnerhaus Joseph Goulet, der Name vertikal auf den Turm geschrieben. Die Franzosen haben einen merkwürdigen Umgang mit Denkmälern, wenig Respekt vor ihrer eigentümlichen und erzählenden Geschichte. 1999 verschwand der Schriftzug, der Turm wurde neutralisiert und hat an Charme so viel verloren. Es ist trotzdem schön hier.

KLATSCH - Glück. Einfach Glück das bleibt.

KLATSCH

Glück. Einfach Glück das bleibt.
Photo: Thomas Schürmann, Nikon D800e, 22.05.2022

Finis

Erzählen verdichtet. Erinnern verlängert

Unsere Reise endete in Épernay, einer Stadt von der es nicht viel zu erzählen gibt. Aber wir fanden einen sehr schönen Aussichtspunkt im Osten der Stadt und haben gepicknickt. Dann geht es auf den Heimweg.

Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Ich lasse die Tage, die Orte, die Gefühle, Gerüche und Geräusche an mir vorbeiziehen, mache sie mir bewusst. Auf der Rückfahrt, wie in einem Riss in der Zeit, sehe ich ein Gemälde am Boden liegen, steige aus und gehe auf es zu. Geklatschtes Rot, gefächertes, üppiges, kräftig vertikal gestrichenes Grün. Kontrast. Maximum. Renoir hätte diesen Acker gemalt, oder ein anderer französischer Maler, vielleicht Monet, hätte er hier seinen Garten gehabt und nicht in Giverny. Die Welt ist strukturiert wie ein Himmel von van Gogh, der Horizont verkreidet im leichten Blau des Lichts wie ein Aquarell von Cézanne, meinem Lieblingsmaler. Gleichzeitig tritt mich der Mohn, Andy Warhol hätte es gefallen, ganz Rot, ganz weich, mitten ins Gesicht. Rot. Leben. Grün. Hoffnung,

Es war eine der schönsten und längsten Reisen meines Lebens. Und sie dauerte nur vier Tage.

Das bleibt. Danke L.

Conclusio

Der letzte Tag unserer 4-tägigen Reise führt uns über die Montagne de Reims nach Épernay und wieder zurück nach Wuppertal. Aus den Tiefen der Kreideböden steigen spannende Geschichten auf, die niemals enden könnten.

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