Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Der verpackte Militarismus - Christo und der Arc de Triomphe de l’Étoile

Christo und Jeanne Claude verpacken den Arc de Triomphe in Paris. Das Symbol von Nationalismus und Militarismus verschwindet hinter einer silbrig blauen, glänzenden und reflektierenden Hülle - und die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit treten stärker hervor.

For Elodie. My friend. Thank you.

Die große Kunst von Christo und Jeanne-Claude lag in meinen Augen gerade nicht in der Ver- sondern in der Enthüllung. Warum, das erfahrt Ihr im Laufe der Lektüre.

Wo anfangen. Das ist für mich immer die schwierigste Frage. Vorne, hinten, in der Mitte, es gibt viele Arten ein Pferd beziehungsweise diesen Artikel aufzuzäumen.

Spätsommer 2021. Mein älterer Sohn kommt so gegen 22 Uhr 30 ins Wohnzimmer. "Papa, hast Du gesehen, der Triumphbogen in Paris wird jetzt gerade eingepackt." Ich setze mich auf und antworte ihm entsetzt, "Nein, nein. Das ist erst nächstes Jahr!" "Nein, jetzt".

Mir wird klar, die Pandemie spielt auch mit der Zeit. Denn alles bleibt stehen. Nächstes Jahr ist irgendwie immer nächstes Jahr, weil damit so viel Hoffnung auf Besserung verbunden ist. Aber nächstes Jahr ist jetzt.

Nun bin ich hellwach. Die schwimmenden Brücken in Italien habe ich verpasst, den verpackten Reichstag nicht gesehen. Die letzte Gelegenheit ein Kunstwerk von Jeanne-Claude und Christo zu sehen ist jetzt. Und sie kommt nie wieder.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Drapeau de la France - die Trikolore Frankreichs unter dem verpackten Bogen des Arc de Triomphe. Wie unwirklich der irisierende Stoff vor dem scharfgezeichneten Blau-weiß-rot der Nationalflagge wirkt.
Drapeau de la France - die Trikolore Frankreichs unter dem verpackten Bogen des Arc de Triomphe. Wie unwirklich der irisierende Stoff vor dem scharfgezeichneten Blau-weiß-rot der Nationalflagge wirkt.
Los geht's

Kurzfristig nur mit dem Auto

Ein kurzer Blick in die Thalys Buchungen zeigt mir, das geht nur mit dem Auto. Die meisten Züge sind ausgebucht, auch Hotelzimmer sind nicht leicht zu finden. Ich schließe mich mit meiner Freundin E. in Paris kurz, ob und wann sie Zeit für mich hätte und es passt alles am Besten am Wochenende vom Sonntag, 26. September 2021 bis zum darauffolgenden Dienstag. Ich übernachte wieder im Hotel Le Boissiere in Levallois Perret, einer Stadt die direkt an das 17. Arrondissement anschließt. Das Hotel ist sehr einfach, dafür aber günstig, liegt ziemlich nahe an der Metro und hat winzige Duschen, die aber mit Unmengen von Wasser funktionieren. Wie immer verzichte ich in Paris auf ein Frühstück im Hotel und hole mir morgens ein Baguette und einen Kaffee ToGo in einer Boulangerie.

Abends fahren wir dann zum ersten Mal zum Arc de Triomphe und meine Begeisterung kennt keine Worte. Meine Pariser Freundin E. kann sich hingegen nicht so sehr dafür begeistern. "Das ist keine Kunst, Thomas", sagt sie zu mir. "Der Arc ist auch ohne die Verpackung schön!" (Ich hoffe, ich gebe das aus der Erinnerung nicht zu verkürzt wieder.) Im nach hinein bin ich E. so dankbar für diese Worte. Denn erst der Widerspruch, genau dieser Einwand, hat mich dazu gebracht so viel über die Verpackung dieses bedeutenden französischen Symbols nachzudenken.

Der Arc de Triomphe

Symbol des Nationalismus und des Militarismus

Mir ist es immer wichtig zunächst zu beschreiben was ist. Dies habe ich von einer herausragenden Historikerin gelernt, von Dr. Sonja Günther, die zwischen 1990 und 1995 (aus der Erinnerung) in Wuppertal Designgeschichte unterrichtete. In der Regel, sagte sie, bringt schon die einfache Beschreibung das Meiste für die Analyse mit.

Symbol des Nationalismus, das ist nicht nur so eine Behauptung, die ich in den Raum stelle. Genau so ist dieser "Altar des Vaterlandes" geplant worden. Als Fortführung der antiken Verehrung von Militär und erfolgreicher Kriegskunst, als Denkmal für gelungenen Imperialismus.

Napoleon I.

Ihr werdet nur unter Triumphbögen in eure Heimat zurückkehren.

Quelle: Wikiquote

Der knapp 50 m hohe Bogen inmitten des Place Charles-de-Gaulle in Paris wurde von 1806 bis 1836 errichtet. Der Bogen ist knapp 45 m breit und 22 m tief. Zum Vergleich: Das Glanzstoff-Hochhaus (Enka, Akzo) in Wuppertal ist 47 m hoch, die Stadtsparkasse in Wuppertal 75 m hoch. Der Reichstag in Berlin kommt auf eine Höhe von 47 m. Vom Place d'Ètoile gingen 1806 vier und gehen heute zwölf Straßen sternförmig aus. Napoleon Bonaparte ließ den Triumphbogen nach der Schlacht von Austerlitz zur Verherrlichung seines Sieges dort und seiner Siege insgesamt beim 1739 in Paris geborenen Architekten Jean-François Chalgrin in Auftrag geben. Die Schlacht von Austerlitz war ein bedeutender Sieg: am 2. Dezember 1805 besiegte Napoleon mit seiner 73.000 Mann starken Armee im heutigen Tschechien die verbündeten Kräfte von Österreich, Liechtenstein und Russland. Opfer dieser Schlacht waren 4.000 tote Österreicher, 11.000 tote Russen, 1.290 tote Franzosen und ungezählte Verletzte auf beiden Seiten.

Die Bauarbeiten am Triumphbogen stoppten mit dem Tod von Chalgrin 1811 und der Abdankung Napoleons 1814. Ab 1824 ließ sie Louis XVII. fortsetzen und beauftragte die Architekten Louis-Robert Goust und Huyot mit dem Weiterbau und den Politiker und Wissenschaftler Héricart de Thury mit der Aufsicht über die Baustelle. König Louis-Philippe, der sogenannte Bürgerkönig, weil er sich nicht König von Frankreich, sondern König der Franzosen nannte, kehrte zur napoleonischen Konzeption des Bogens zurück. Er und Adolphe Thiers entschieden über den figurativen Schmuck und die ausführenden Künstler. Von 1832 bis 1836 wurde der Bau von dem Architekten Guillaume-Abel Blouet durchgeführt.

Der Entwurf von Chalgrin folgt dem zwischen 1750 und 1840 prägenden Stil des Klassizismus und folgt den Vorbildern der antiken römischen Architektur. Bekannt dürften der Titusbogen und der Konstantinsbogen in Rom sein. Alleine in Rom soll es 50 Triumphbögen gegeben haben. Die Ähnlichkeit mit dem Titusbogen ist unverkennbar. Das obige Zitat macht deutlich, was Napoleon im Sinne hatte, nämlich dem antiken Beispiel zu folgen, für berühmte Generäle und Feldherren Triumphbögen zu errichten.

Und genau so kam es auch.

Le Départ des volontaires de 1792, auch La Marseillaise gennannt, von François Rude. Skulptur/Relief François Rude; Foto: Alvesgaspar — Travail personnel
Le Départ des volontaires de 1792, auch La Marseillaise gennannt, von François Rude. Skulptur/Relief François Rude; Foto: Alvesgaspar — Travail personnel
158 Schlachten

660 Militärs

Es ist schwer angesichts dieser Demonstration von Militarismus und militärischer Überlegenheit nicht respektlos zu sein, vor allem nicht gegenüber unseren französischen Nachbarn. Respektlosigkeit vor einem Andenken oder einem Mahnmal liegt mir völlig fern. Genau so habe ich auch größten Respekt vor allen Menschen, die im Militär dienen. Nur halte ich militärische Auseinandersetzungen als Kind der Friedensbewegung für völlig überholt, auch wenn sie trotzdem und leider ein nicht wegzuleugnender realer Bestandteil dieser Welt sind, in der auch ich lebe. (Das ist wirklich ein schwieriges Kapitel für mich.) Meine Ablehnung dem Militär gegenüber mag auch darin begründet liegen, dass wir Deutschen in zwei Kriegen allein im 20. Jahrhundert so unsägliches Leid über die Menschen in unseren Nachbarländern und die eigene Bevölkerung gebracht haben. Das darf sich niemals wiederholen.

Was sagt es über eine Nation, wenn es einen Ort zu einem Denkmal stilisiert, das so militärisch orientiert, so militaristisch ist? Das ist als offene Frage gedacht.

Die Innenwände des Triumphbogens zieren die Namen von nicht weniger als 660 französischen Militärs, darunter vorwiegend Generäle. Unterstrichen die, die im Kampf gefallen sind. Darunter unter anderem der General Gilbert du Motier de La Fayette, dessen Enkel E. D. Lafayette auf der Passagierliste des Schiffes stand, das mit Jenny Lind nach Amerika gefahren ist. (Notiz der Bostoner Daily Evening Transcript)

Zu der Liste der 660 Militärs gesellt sich noch eine Liste von 158 siegreichen Schlachten. Die Liste ist beeindruckend, und doch auch ein Zeugnis von Eroberungswut, Größenwahn und Imperialismus, dem viele viele Menschen zum Opfer fielen. 

La Marseillaise

Den Sockel prägen vier große Reliefs, die 1833 bei den Bildhauern Antoine Étex, Jean-Pierre Cortot und vor allem François Rude in Auftrag gegeben wurden.

Das berühmteste ist das Relief Le Départ des volontaires de 1792, auch La Marseillaise genannt. Es stammt vom in Dijon geborenen Bildhauer François Rude und zeigt den Aufbruch der Freiwilligen in den Krieg gegen die Armeen der Ersten Koalition im Jahr 1792. (Mit der ersten Koalition ist der Krieg einer großen Koalition aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 gemeint. Die Bedrohung Frankreichs durch fast alle europäischen Monarchien war einer der Gründe für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Form der Levée en masse. (Quelle: Wikipedia).

Rude gelingt es mit seinem Relief, im Gegensatz zu den drei statischer wirkenden klassizistisch angeordneten Reliefs, eine Brücke in eine neue Ära der Kunst zu schlagen, er verlässt die starre klassizistische Konvention und trägt seine lebendige Skulptur in die künstlerische Epoche der Romantik. Unverhohlen heroisierend zeigt er die Leidenschaft des Aufbruchs, angeführt und angetrieben von einer geflügelten Figur, die Göttinnen gleich die Kämpfer in die Schlacht führt.

Oberhalb der figurativ und plastisch herausgearbeiteten Reliefs am Sockel liegen auf den Seiten des Bogens noch 6 weitere Flachreliefs, die Szenen aus der Zeit der Revolution und des Kaiserreichs darstellen. Dies sind Arbeiten, die entweder Generäle oder weitere Schlachten ehren.

  • Die Beerdigung von General Marceau am 20. September 1796, von Henri Lemaire (rechte Südseite).
  • Die Schlacht von Abukir am 25. Juli 1799, von Seurre aîné (linke Südseite).
  • Die Schlacht von Jemappes am 6. November 1792, von Carlo Marochetti (Ostseite).
  • Die Überquerung der Brücke von Arcole am 15. November 1796, von Jean-Jacques Feuchère (rechte Nordseite).
  • Die Eroberung von Alexandria am 3. Juli 1798, von John-Étienne Chaponnière (linke Nordseite).
  • Die Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805, von Théodore Gechter (Westseite).

Alleine bei vier der oben genannten Schlachten beziehungsweise kriegerischen Auseinandersetzungen starben über 27.000 Soldaten auf beiden Seiten, ungezählt wahrscheinlich die zivilen Opfer.

Das Grab des unbekannten Soldaten

Genau in der Mitte unterhalb des Gewölbes, das der Triumphbogen bildet, befindet sich seit dem 11. November 1920 das Grab des unbekannten Soldaten. Es beherbergt den Leichnam eines Soldaten, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist und als Franzose anerkannt wurde, um symbolisch an alle Soldaten zu erinnern, die im Laufe der Geschichte für Frankreich gestorben sind. (Quelle: Wikipedia)

Auf einer Platte aus Vire-Granit lautet die Inschrift: "Hier ruht ein französischer Soldat, der für das Vaterland gestorben ist - 1914 - 1918". Im Jahr 1923 wurde eine ewige Flamme hinzugefügt, die jeden Tag neu entzündet wird.

Der verpackte Triumphbogen. Die Wirkung des reflektierenden Stoffs ist bei Tage spektakulär anders. Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma 50mm 1.4 Art
Der verpackte Triumphbogen. Die Wirkung des reflektierenden Stoffs ist bei Tage spektakulär anders. Foto: Thomas Schürmann, Nikon D800E, Sigma 50mm 1.4 Art
Jeanne-Claude und Christo

Getrieben, provokativ, enthüllend

Das Running Fence Projekt

Running Fence war ein installatives Kunstwerk von Christo und Jeanne-Claude, das am 10. September 1976 fertiggestellt wurde. Die Kunstinstallation wurde erstmals 1972 konzipiert, aber das eigentliche Projekt dauerte mehr als vier Jahre, um es zu planen und zu bauen. Nachdem es installiert war, entfernten die Erbauer es 14 Tage später, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. 

Die Kunstinstallation bestand aus einem 24,5 Meilen (39,4 km) langen, verhüllten Zaun, der sich über die Hügel der Bezirke Sonoma und Marin in Nordkalifornien, Vereinigte Staaten, erstreckte. Der 5,5 m (18 Fuß) hohe Zaun bestand aus 200.000 Quadratmetern schwerem, gewebtem weißem Nylongewebe, aus dem 2.050 Paneele entstanden, und war mit 350.000 Haken an Stahlseilen aufgehängt. Die Kabel wurden von 2.050 Stahlstangen (jede 6,4 Meter lang oder 9 Zentimeter im Durchmesser) gestützt, die 1 Meter tief in den Boden eingelassen waren und durch Stahlseile (145 Kilometer Stahlkabel), 14.000 Erdanker und ohne jeglichen Beton gestützt wurden.

Quelle: Wikipedia Bilder des Projektes: Website Christo and Jeanne-Claude

Die Verbindung zwischen dem Künstlerpaar und Paris ist tief.

Christo wurde am 13. Juni 1935 als Christo Wladimirow Jawaschew in Gabrowo, Bulgarien geboren. Christo studierte von 1953 bis 1956 an der Akademie der Künste in Sofia. 1958 ging er über verschiedene Stationen nach Paris, den nun bald vollständig kommunistisch regierten Osten Europas liess er hinter sich. Seine Leidenschaft für große Stoffbahnen entdeckte er in Jugendjahren in der Fabrik seines Vaters. Bekannt wurde er, als er sich 1960 der von Pierre Restany und Yves Klein in Paris gegründeten Gruppe Nouveau Réalisme (Neuer Realismus) anschloss. (Quelle: Wikipedia).

Christo

1958 kam ich zum ersten Mal nach Paris. Diese Stadt bedeutete für mich alles: Freiheit - in den Gedanken, in der Bewegung, in der Kunst. Ich war aus meiner Heimat Bulgarien geflüchtet, fast mittellos, allein, aber hier konnte mein Traum Wirklichkeit werden. Ich wollte als Künstler leben, immer schon. In Bulgarien ging das nicht, das war das stalinistischste Land im Ostblock.

Quelle: Spiegel.de

Als Christo in Paris ankam, mietete er einen kleinen Raum in der Nähe des Arc de Triomphe und schon 1962 entstand eine kleine Photomontage vom verpackten Triumphbogen.

In Paris wurde Christo mit den de Guillebons bekannt; er portraitierte die Frau des Generals in drei Versionen und verliebte sich in deren Adoptivtochter, die ebenfalls am 13. Juni und im Jahr 1935 in Casablanca geborene Jeanne-Claude Denat de Guillebon. Im Jahr 1961 begannen Christo und Jeanne-Claude ihr erstes gemeinsames Projekt. 1961 war auch das Jahr, in dem mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen wurde. Christo, selbst staatenlos, Flüchtling aus einem kommunistischen Land, wühlte das Ereignis emotional sehr auf.

Am 27. Juni 1962 blockierten sie mit 89 Ölfässern die Rue de Visconti. Dabei hatte ihnen die Stadt Paris die Aktion verboten. Laut Jeanne-Claude soll Christo jedes Fass selbst getragen haben.

Am 28. November 1962 heirateten Christo und Jeanne-Claude.

Es war der Beginn einer beispiellosen Karriere und der Auftakt zu einer langen Reihe von Aufsehen erregenden Kunstinstallationen auf der ganzen Welt.

Allen Werken gemeinsam ist, dass sie auf eine einzigartige Weise unseren Blick auf unsere Welt verändert haben. Ganz besonders auf das, was vom Künstlerpaar verhüllt wurde. Ob er mit einem Vorhang die Sichtachse eines Tales blockierte, Inseln mit pinkfarbenen Polypropylengewebe umsäumte oder einen 5,5 m hohen wehenden Zaun durch die Hügel Nordkaliforniens baute, nach der Installation waren Menschen und Landschaft nicht mehr das, was sie vorher waren.

Schon beim Running Fence Projekt von 1976 reklamierten einige lokale Gegner, die Trennung der Landschaft durch einen Vorhang wäre keine Kunst. Wie Christo selbst bestätigte, als er den Vorhang illegal bis zur Küste verlängerte, wohnte seiner Arbeit immer etwas Subversives inne. Als die Klage gegen diese Verlängerung vor Gericht kam, war das Projekt schon lange wieder weg. Insgesamt wehte der Vorhand nur 14 Tage.

Bewundernswert finde ich persönlich, wie es Jeanne-Claude und Christo oft gelang, die Anlieger, die Menschen mit ins Boot der Idee zu holen. Beim Running Fence Projekt waren bis auf drei alle betroffenen Farmer und Anlieger Feuer und Flamme für das Projekt. Die Kraft des Paares Menschen in ihre Projekte zu integrieren, das war eine Leistung, die ich trotz einiger anachronistischer Proteste durch Altgestrige wie Wolfgang Schäuble auch beim Reichstag bewundert habe. Große Politiker, wie zum Beispiel Willy Brandt haben den Kontakt zu Christo und Jeanne Claude gesucht und sie unterstützt.

Christos und Jeanne Claudes Projekte waren immer mehr als nur der sichtbare Anteil, mehr als das, was einem unmittelbar ins Auge springt. Wie sagte Christo, als er noch einmal mit Ted Dougherty, dem Bauunternehmer am Running Fence vorbeifuhr:

Christo

Sieh mal da, Ted. Schau, wie es den Wind beschreibt.

Der Vorhang beschreibt den Wind. Ich finde das großartig. Christo äußert sich selbst darüber, welche indirekte Wirkung seine Arbeit hat. Was sie enthüllt.

Im Gegensatz zu einem Bild oder einer Skulptur, die bleiben, Jahrhunderte überdauern, sind die meisten von Christo's und Jeanne-Claude's Werken vergängliche Kunst. Abgesehen von den vielen Skizzen und Gemälden, die im Vorfeld seiner Installation entstanden.

Wir sehen sie, wie wir ein Stück Musik hören. Es ist nur eine Impression. Den Genuss haben wir nur für einen kurzen Augenblick von ein paar Minuten oder Stunden. Wenn der letzte Ton verhallt ist es ruhig, die Musik nur noch Erinnerung und in uns verbleibt die Melodie, der Rhythmus oder ein Stückchen eines Textes, ein bestimmter Ton. So geht es auch mit Christos Verhüllungen, die ja nicht den ganzen Teil seiner Arbeit ausmachten. Aber auch sie waren nur flüchtige Momente von ein paar Tagen oder Wochen.

Und im selben Moment, wie wir die Verpackung, die Einhüllung, die Verhüllung sehen, vermuten oder erinnern wie das Objekt, den Ort, seine Bedeutung. Uns wird mit ein wenig Selbstreflektion klar, was uns das nicht sichtbare Objekt bedeutet, woran wir uns erinnern. Das kann ein spielerischer Moment sein, wie das Erraten eines bestimmten Geschenkes an Weihnachten, dass kann uns aber auch sehr berühren, da wir etwas gewahr werden, uns etwas bewusst wird, das wir uns nie zuvor bewusst gemacht hatten.

L'Arc de Triomphe, Wrapped

Silberblaugrau mit roten Seilen

Das Running Fence Projekt

Running Fence war ein installatives Kunstwerk von Christo und Jeanne-Claude, das am 10. September 1976 fertiggestellt wurde. Die Kunstinstallation wurde erstmals 1972 konzipiert, aber das eigentliche Projekt dauerte mehr als vier Jahre, um es zu planen und zu bauen. Nachdem es installiert war, entfernten die Erbauer es 14 Tage später, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. 

Die Kunstinstallation bestand aus einem 24,5 Meilen (39,4 km) langen, verhüllten Zaun, der sich über die Hügel der Bezirke Sonoma und Marin in Nordkalifornien, Vereinigte Staaten, erstreckte. Der 5,5 m (18 Fuß) hohe Zaun bestand aus 200.000 Quadratmetern schwerem, gewebtem weißem Nylongewebe, aus dem 2.050 Paneele entstanden, und war mit 350.000 Haken an Stahlseilen aufgehängt. Die Kabel wurden von 2.050 Stahlstangen (jede 6,4 Meter lang oder 9 Zentimeter im Durchmesser) gestützt, die 1 Meter tief in den Boden eingelassen waren und durch Stahlseile (145 Kilometer Stahlkabel), 14.000 Erdanker und ohne jeglichen Beton gestützt wurden.

Quelle: Wikipedia Bilder des Projektes: Website Christo and Jeanne-Claude

Nun zum Arc. Der Plan von 1962 wird wahr. Posthum wird der sechzig Jahre alte Plan von Christo und Jeanne-Claude verwirklicht. Der Triumphbogen wird für zwei Wochen verhüllt.

Jeanne-Claude und Christo

Verhüllen, um zu enthüllen

So umschrieben Christo und Jeanne-Claude selbst ihre Kunst.

Ziemlich genau 25.000 Quadratmeter Polypropylengewebe, drappiert mit 3000 m rotem Seil in exakt geplanten Falten, in Teilen auf einem speziell angefertigtem Stahlgerüst befestigt, um die wertvollen Skulpturen zu schützen, bieten einen spektakulären, bei jedem Licht wechselnden Eindruck. Wir sehen, ob nun bei Tag oder Nacht, ein völlig neues Gebäude, eine ganz neue, moderne Form. Sie verändert ihre Farbe, der Stoff ist auf der Unterseite blau und auf der Oberseite silbrig. Das Blau wendet sich dem Inneren zu. Das silbrige, glänzende und reflektierende Äußere dem Betrachter zu. Das Blau scheint abhängig vom Lichteinfall von Innen nach Außen durch.

Die Falten betonen die Vertikale, die Seile betonen die figurative Architekturkomposition des Bogens auf eine neue Weise.

Mit der Verhüllung durch Christo und Jeanne-Claude ist der historische Triumphbogen unsichtbar. Die Konturen sind neu definiert. Die Form des antik klassizistisch gestalteten Bogens tritt nunmehr nur noch abstrakt hervor und definiert sich neu, mit einer anderen, kantigen und modern anmutenden Kontur. Rechteckige Flächen sind nun polygonal.

Das Andenken an Militärs, die Erinnerung an Schlachten und Generäle, an militärischen Ruhm und kriegerische Eroberungen, Erstürmungen mit welchem Ziel auch immer - das ist nun alles von einem metallisch glänzenden festen, undurchdringlichen Stoff verhüllt. Es ist unsichtbar. Für etwa 2 Wochen nicht mehr zu sehen. Das gewohnte Bild eines Denkmals für Generäle und Schlachten, es ist nur noch eine Erinnerung.

Was würden die Pariser, die Betrachter vermissen? Die schöne, klassizistische Architektur? Die Andenken an Generäle, Militärs oder gewonnene Schlachten? Die Reliefs? Die Skulpturen und Figuren an den Seitenflächen?

Die Theodor Heuss Stiftung sprach anlässlich der Verleihung des Preises 2014 an Christo von der einer subtilen Provokation am monumentalen Objekt.

Was damit gemeint war, konnte man sehr gut in einer Dokumentation über Christo und die Vorplanungen zur Verpackung des Reichstages sehen. Christo durfte sein Anliegen vielen Politikern in Deutschland vorstellen, der Bundestag in Bonn debattierte darüber. Trotz der Entrüstung, das man so einen ernsthaften Ort wie den Reichstag, das Parlament, nicht zu einem Ort der heiteren Kunst machen dürfe, stimmten letztendlich doch die meisten Abgeordneten dafür. Ich glaube es war Wolfgang Thierse, der in einem Interview davon sprach, welch neue Sichtweise Christo den Deutschen auf ihre eigene nationale Identität durch die Verhüllung des Reichstages gegeben hat. Die Deutschen konnten diese und sich selbst nach der Wende neu entdecken.

Anderes Licht, andere Wirkung. Wie Eis. Foto: Thomas Schürmann, Nikon 800e, Sigma Art 50 mm 1.4
Anderes Licht, andere Wirkung. Wie Eis. Foto: Thomas Schürmann, Nikon 800e, Sigma Art 50 mm 1.4
Eine Idee von 1961

Wie ein gleißendes Stück Eis

Folgt man Christos Aussage zu den Running Fences, dann sind Christos und Jeanne-Claudes Werke eben mehr als nur eine Verpackung, als eine Hülle. Sie beschreiben hingegen eine neue Beziehung. Ganz besonders deutlich wurde dies, wenn man abends oder nachts zum verhüllten Triumphbogen ging. Denn dann wehte in diesem blausilbrigen Kristall unter einem tiefblauen Nachthimmel eine riesige französische Nationalflagge über dem Grab des unbekannten Soldaten.

Der außen grau-silbrige und innen blaue Stoff trennte die Trikolore vom Arc de Triomphe und allem, was er verkörpert. All der Militarismus, die Generäle, die Erinnerungen an Machtinteressen, Imperatoren, Imperialismus, Opfer - all das ganz abgeschirmt von der wehenden, lebendig wirkenden Nationalflagge mit ihrer so eindrucksvollen Geschichte.

Der Arc de Triomphe bei Nacht. Unter dem Bogen weht die Trikolore über dem Grab des unbekannten Soldaten.
Der Arc de Triomphe bei Nacht. Unter dem Bogen weht die Trikolore über dem Grab des unbekannten Soldaten.
Le Drapeau Tricolore

Nationalflagge seit 1794

Jacques-Louis David

Jacques-Louis David ist vielleicht manchen als Maler des Gemäldes "Der Tod des Marat" von 1793 bekannt, dass in den königlichen Museen des schönen Künste in Brüssel hängt. Jacques-Louis David (* 30. August 1748 in Paris; † 29. Dezember 1825 in Brüssel) war ein französischer Historienmaler des Klassizismus. Sein Werk gliedert sich in drei Epochen. Als Hofmaler des französischen Königshauses und Mitglied der französischen Akademie schuf er zahlreiche Bilder mit antiken Motiven. In der Französischen Revolution politisierte sich David und nahm sich aktueller politischer Themen an. Unter der Herrschaft Napoleons I. wurde er zu dessen wichtigstem ikonographischen Propagandisten.

Quelle: Wikipedia

Die französische Nationalflagge ist eine Trikolore aus drei vertikalen Balken gleicher Breite in Blau, Weiß und Rot und hat ein Seitenverhältnis von 2:3. Die vertikale Anordnung erfolgte, um sie von der Flagge der Niederlande zu unterscheiden. Die Trikolore ist seit 1830 ununterbrochen die Flagge Frankreichs. Sie wird in Artikel 2 der französischen Verfassung von 1958 erwähnt. Was viele nicht wissen, in den 1970ern wurde der Blauton von Valéry Giscard d’Estaing von Marineblau zu einem Kobaltblau aufgehellt, um die Farbe der Europaflagge anzugleichen. Diese Änderung wurde nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit von Emmanuel Macron am 14. Juli wieder rückgängig gemacht. Eine gute Entscheidung, wie ich finde, auch wenn ich den Gedanken von Valéry Giscard d’Estaing mag.

Geschichte

In der Form der Kriegsmarineflagge stammt sie vom 27. Juli 1794 - der Legende nach wurde sie vom französischen Künstler und Maler Jacques-Louis David (1748-1825) im Auftrag des Konvents entworfen. 

Die Ursprünge der französischen Nationalflagge sollen auf die drei Farben der Freiheit vom 14. Juli 1789 zurückgehen und die Farben sind identisch mit den drei Farben der Amerikanischen Revolution und der Flagge der Vereinigten Staaten.

Während der Revolution begannen die Kämpfer sich Erkennungsfarben an die Kopfbedeckungen zu stecken, und so wurden im Laufe der Zeit zunächst blau-rote und später nach dem Sturm auf die Bastille blau-rot-weiße Kennzeichen oder Kokarden beliebt. (Kokarden sind kreisrunde Abzeichen, die vornehmlich an Kopfbedeckungen getragen werden.) Die Auswahl der drei Farben wird sogar Gilbert du Motier de La Fayette zugeschrieben, einem französischen General, der sowohl im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in der französischen Revolution gekämpft hat. Die Flagge der Stadt Paris war blau-rot, viele Anhänger der Jakobiner trugen phrygische Mützen mit einer dreifarbigen Kokarde.

Die Trikolore erhielt ihre endgültige Form erst am 15. Februar 1794 als der Nationalkonvent beschloss, dass die Nationalflagge "aus den drei Nationalfarben gebildet wird, die in vertikalen Streifen angeordnet sind, so dass das Blau an der Gaule der Flagge befestigt ist, das Weiß in der Mitte und das Rot in der Luft schwebt".

Quelle: https://www.elysee.fr/

Druck von 1793, der ein gängiges Motiv der Ersten Republik aufgreift: Der Slogan
Druck von 1793, der ein gängiges Motiv der Ersten Republik aufgreift: Der Slogan "Einheit, Unteilbarkeit der Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod", umgeben von Eichenzweigen und Trikolore-Fahnen, platziert vor einem Liktorenbündel, auf dem eine phrygische Mütze sitzt. Im Vordergrund befinden sich ein gallischer Hahn und kriegerische Kanonen.
Der Mantel der Freiheit

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Der französische Nationalflagge von 1790 wurde von Comte Mirabeau anlässlich der Julirevolution 1830 als "die Livree der Freiheit" bezeichnet. Eindrucksvoll verewigte Eugéne Delacroix in seinem Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" den Moment, als das Volk die Barrikaden stürmt.

Die französische Revolution dürfte einen der schärfsten Einschnitte in der neuzeitlichen europäischen Kulturgeschichte darstellen. Die Menschen lehnten sich gegen den feudalistisch-absolutistischen Ständestaat auf. Neue Werte und Ideen der Aufklärung wurden propagiert, insbesondere bei den Menschenrechten. Am 26. August 1789, vor über 233 Jahren verabschiedete die französische Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

Es lohnt sich, diese Erklärung noch einmal zu lesen, gerade in heutigen Zeiten, wo unsere gemeinsamen, europäischen und kulturellen Werte auf so mannigfaltige Art und Weise bedroht sind. Im Artikel 1 heißt es unter anderem: "Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten." Artikel 2 formuliert: "Das Ziel jeder politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Menschenrechte. Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung." Bedeutsam finde ich Artikel 4, in dem es heißt: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet." Gerade in der heutigen Zeit, in der Begrenztheit unserer Ressourcen, in der Bedrohung durch das Virus sollten wir uns öfter darauf besinnen, auf welchen Füßen unsere Freiheit beruht. "So hat die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen nur die Grenzen, die den anderen Gliedern der Gesellschaft den Genuss der gleichen Rechte sichern." heißt es weiter in diesem Artikel.

Niemand kann stolzer sein, als die Franzosen, die dies für uns alle so eindeutig und klar formuliert haben.

Auch Artikel 11 hat es auch nach über 233 Jahren noch nicht geschafft, für alle Gesellschaften auf dieser Welt Gültigkeit zu haben: "Die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte. Jeder Bürger kann also frei schreiben, reden und drucken unter Vorbehalt der Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen." Ab und zu sollten wir auch an Artikel 15 denken, "Die Gesellschaft hat das Recht, von jedem öffentlichen Beamten Rechenschaft über seine Verwaltung zu fordern."

Ich freue mich sehr, dass ich diese Erklärung für mich neu entdeckt habe. Sie zeigt mir, auf welcher Grundlage unsere modern wirkende Gesellschaft beruht und wie weit wir noch oder wieder von der Umsetzung dieser über 233 Jahre alten Rechte entfernt sind.

Während der Revolution brachte der französische Bischof und Schriftsteller François de Salignac de La Mothe-Fénelon die Begriffe „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, miteinander in Verbindung. Sie erlangten während der Phase der Aufklärung große Verbreitung und waren während der Französischen Revolution eine der zahlreichen Losungen, auf die man sich berief.

In einem Arte-Artikel von 2006 wurden die Farben der Trikolore mit den Begriffen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in Zusammenhang gesetzt. Der Autor vermutet, dass als "sekundäre, aber schon frühe Umdeutung gilt der Bezug zum Wahlspruch der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (liberté, égalité, fraternité), mit Blau für die Freiheit, Weiß (heraldisch: Silber) für die Gleichheit und Rot für die brüderliche Liebe."

Die Trikolore unter dem Triumphbogen. Foto: Thomas Schürmann
Die Trikolore unter dem Triumphbogen. Foto: Thomas Schürmann
Wie ein Feuer

Wofür stehen wir eigentlich?

Und so indirekt verhält es sich auch mit der Verpackung des Arc de Triomphe in Paris. Das ästhetisch Meisterhafte ist nicht die wunderschöne Verpackung des riesigen Bogens. Es sind in meinen Augen die indirekten Aussagen, die Jeanne Claude und Christo über Frankreich, Erinnerungskultur und die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit tätigt.

Ich möchte rufen:

Schaut nur, wie die Verhüllung die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hervorhebt.

Freiheit

Coronakrise und die Klimakrise zeigen uns gerade auf, wie bedroht der im Sinne der Revolution gedachte Freiheitsbegriff im Moment ist. Bedroht von Politikern und Menschen, die den Freiheitsbegriff mit Egoismus verwechseln. Ich möchte an Artikel 4 erinnnern: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet."

Es ist eben darum kein Ausdruck von Freiheit, sich nicht Impfen zu lassen, wie es ebenso kein Ausdruck von Freiheit ist beliebig viele Ressourcen zu verschwenden, um egoistische Bedürfnisse zu befriedigen.

Johann Gottfried Seume

Die wahre Freiheit ist nichts anderes als Gerechtigkeit.

Aber der Freiheitsbegriff ist noch in anderen Dimensionen bedroht, die viel mit der nicht vorhandenen Gleichheit der Menschen auf diesem Planeten zu tun haben. Menschen in Afrika, Osteuropa sind eben nicht frei darin, hingehen zu können, wohin sie wollen. Dazu haben wir Grenzen geschaffen. Immer, wenn wir uns als Gruppe abgrenzen, grenzen wir andere aus.

Von einer Freiheit der Presse, der Meinungsäußerung sind wir auch in Europa weiter entfernt, als wir glauben. Wikileaksgründer Julian Assange hatte geheime US-Militärdokumente und Videos zu den internationalen Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan veröffentlicht. Er hat Wahrheit enthüllt. Dafür soll er nun, wenn die Amerikaner im Rechtsstreit recht bekommen, lebenslang in den USA ins Gefängnis.

Gleichheit

Die Menschen auf diesem Planeten sind gleich. Aber die Verhältnisse sind es nicht. In China werden die Uiguren weggesperrt, in Tibet wird die tibetische Kultur assimiliert.

Wir Europäer beuten ganze Kontinente aus, ob wegen seltener Erden oder Edelsteinen und Gold Afrika, ob wegen Siliziums Südamerika oder wegen Palmöls Indonesien. Unser Hunger nach mehr und immer mehr kennt keine Grenzen. Wir lagern unseren Müll nicht vor unserer Haustür sondern kippen ihn ungefragt anderen in die Landschaft und scheinen uns nicht einmal dafür zu schämen.

Martin Luther King

Ich habe einen Traum.

Menschen, die auf flachen Inseln im Pazifik leben, nehmen wir durch die Klimaerwärmung, die zum größten Teil auf dem Verhalten einer kleinen Minderheit beruht, die Lebensgrundlage weg.

Wir verschiffen gebrauchte Kleidung nach Afrika und zerstören lokale Produktionsmöglichkeiten, China verschifft so viele Dosen Tomaten nach Afrika, dass lokale Produzenten keine Chance haben. Und unser Hunger nach Rohstoffen wie zum Beispiel Öl vernichtet ganze Landstriche.

Und in dem Bemühen diese ungerechten ungleichen Umstände zu verlassen, unternehmen die Menschen alles. Sie ersticken in verschlossenen LKW und Containern, sie ertrinken beim Versuch das Mittelmeer in winzigen Booten zu überqueren.

Von Gleichheit, kann keine Rede sein.

Damit ja nicht genug. Nicht einmal in unseren reichen Gesellschaften des Westens schaffen wir es, Gleichheit in sozialer und finanzieller Hinsicht zu gewährleisten. Während die Corona-Epidemie viele Menschen in den finanziellen Abgund stürzte, wurden andere noch reicher als sie es schon vorher unermesslich waren.

Über 200 Jahre nach der Revolution liegt noch viel Arbeit vor uns.

Brüderlichkeit

Immer, wenn mir nicht genau klar ist, wie ich etwas zu verstehen habe, dann lese ich eine Definition. Diese ist immer ein guter Anfang.

Brüderlichkeit oder moderner gesagt, Geschwisterlichkeit bezeichnet in der modernen Gesellschaft das rücksichtsvolle, soziale und solidarische Verhalten von Menschen in einer Gruppe oder Gesellschaft.

Oh, wie weit wir davon noch entfernt sind. Ich brauche nur Straßenverkehr zu sagen, und alle, egal ob zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs, wissen was ich meine.

Rücksicht, das bedeutet ein Tempolimit gut zu finden, denn es nutzt allen. Rücksicht, das bedeutet Anhalten, wenn man jemand über die Straße will, auch als Radfahrer einen Zebrastreifen zu beachten.

Solidarität. Ein Begriff, den wir glaube ich nahezu verlernt haben - nach dem Krieg. Die Pandemie ist da im Moment eine große Gefahr. Die Politik und einige gefährliche Brandstifter verhalten sich unsolidarisch mit der Mehrheit der Menschen, die sich und andere durch eine Impfung, rücksichtsvolles Verhalten im Alltag schützen wollen. Der Schutz der Kinder, das ist der Politik im Grunde im Moment gleichgültig. Die Wirtschaft, das Kapital hat Vorrang. Sollen Sie doch Yachten essen, hört man sie den Menschen zurufen, die sich die Heizkosten nicht mehr leisten können.

Einige wenige können unglaubliche Reichtümer auftürmen, während ein Großteil der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren erheblich an Wohlstand verloren hat. Das ist unsolidarisch.

Menschen sind nicht gleich. Einige sind gleicher.

Ein neuer Blick

Nationalstolz einmal anders

Ich glaube, nein, ich bin fest überzeugt, dass die Zeiten vorbei sind, wo man auf einen militärischen Sieg noch Stolz sein kann. Die akute Bedrohung der Ukraine durch Russland zeigt uns zwar, wie wichtig verteidigende Kräfte immer noch sind, aber würde uns Russland diesen Krieg aufzwingen, wäre es auch nur wieder ein imperialistisches Unterfangen, wie es die meisten Kriege der letzten Jahrhunderte waren. Angefangen, um die Macht, die Reichweite und den Einfluss einiger weniger zu vergrößern, mehr Land zu regieren, größere Reichtümer aufzuhäufen, mehr Menschen zu kontrollieren und über sie zu herrschen.

Der Besuch des Arc de Triomphe bei Nacht und die wehende Nationalflagge unter dem gewaltigen Bogen auf dem Place d'ètoile haben mich sehr bewegt. Und tun dies mit dem vertieften Einblick und dem zusätzlich erworbenen Wissen um so mehr.

Schaut nur, wie die Verhüllung die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hervorhebt.

Die französische Revolution, der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, die Auflösung der Feudalherrschaft, sie haben in Europa für eine bis heute nachwirkende Veränderung gesorgt. Die Kraft der Aufklärung, der revoultionäre Gedanke, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, all dies sind Dinge, die für mich die französische Trikolore symbolisiert. Und genau so lebendig und lebhaft wie diese Werte heute noch sind, so kraftvoll und stark wehte die französische Nationalflagge im abendlichen Licht über dem Grab des unbekannten Soldaten.

Das hat mich sehr bewegt. Wir können Jeanne-Claude und Christo nicht mehr fragen, worin ihre Absichten lagen. Aber wir können uns unsere eigenen Gedanken dazu machen, was passiert, wenn wir ein großes Symbol verhüllen.

Damit der Wind sich zeigt.

Das ist große Kunst.

tl, dr;

Die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris durch das Künstlerpaar Jeanne-Claude und Christo gibt uns die Gelegenheit, die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit neu zu entdecken. Das ist zumindestens mein persönliches Resumee des Besuches dieser Installation. Ich bin sehr dankbar dafür.

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