Teil III - Lichterloh brennen wie Jack London

James Bond hat keine Zeit zu sterben

Ein Zitat von Jack London beendet den fünfundzwanzigsten Bond-Film. Es ist zugleich der letzte Film mit Daniel Craig. Das Zitat stellt einen interessanten Zusammenhang zwischen dem jung verstorbenen Abenteurer des 19. Jahrhunderts und dem Kinohelden des 21.

Achtung! Spoiler.

Und ... Action. Wir sehen Bond in Südfrankreich oder Süditalien. Neben ihm sitzt die zweite große Liebe seines Lebens (in der filmeigenen Craig-Time) Madeleine Swann. Nun, der letzte Bond-Film, in dem James mit einer Frau in eine glückliche Zukunft fahren wollte, war Im Geheimdienst Ihrer Majestät und die Frau im Aston Martin DBS Vantage war Diana Rigg. Es nahm kein gutes Ende.

Diese Anspielung fiel mir natürlich nicht im Kino ein, sondern erst zu Hause.

Und auch als Daniel Craig vor dem MI 6 im Aston Martin DBS Vantage vorfährt und dann auch noch fast im selben kühlgrauen Anzug aussteigt, wie einst George Lazenby vor dem Juwelier in Südfrankreich, ich bin auf diese Anspielung nicht gekommen.

Teil III - Lichterloh brennen wie Jack London - Jack London mit seiner zweiten Frau, der Autorin Charmian London im Jahr 1911 auf ihrer Farm Beauty Ranch. Das Foto entstand  am Old Winery Cottage, dass Teil der Farm war.
Jack London mit seiner zweiten Frau, der Autorin Charmian London im Jahr 1911 auf ihrer Farm Beauty Ranch. Das Foto entstand am Old Winery Cottage, dass Teil der Farm war.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Der letzte Bond mit Daniel Craig

In diesem Film ändert sich alles für Bond. Auch wir Zuschauer gehen in diese Bond-Verfilmung in dem Wissen, dass sich alles für ihn und für uns ändert. Denn es ist der fünfte, der letzte Film mit Daniel Craig. Wie verabschiedet er sich von den Zuschauern, welches Ende haben ihm die Drehbuchautor:innen Phoebe Waller-Bridge, Neal Purvis und Robert Wade sowie Cary Joji Fukunaga zugedacht?

160 aufwühlende Minuten später wissen wir es und wir sitzen in unseren mittlerweile zumeist hygienisch, aber ungemütlich kunstbelederten Sesseln und ringen mit der Situation, die vor uns auf der riesigen Leinwandfläche flimmert.

Und dann kommt die Schluss-Schluss-Szene, in der alle Protagonisten anstoßen und einen Toast aussprechen. M greift zu einem Buch und zitiert:

Jack London

Die eigentliche Funktion des Menschen besteht darin, zu leben, nicht zu existieren. Ich werde meine Tage nicht damit verschwenden, sie zu verlängern. Ich werde meine Zeit nutzen.

Mich würde einmal interessieren, wer das Zitat schon im Film als eines von Jack London erkannt hat? Ganz ehrlich? Schreibt es mir in die Kommentare.

Jack London. Ich gebe ja zu, etwas klingelte in mir, aber ich kam nicht drauf. Dann habe ich den Autor gegoogelt und wie war es mir peinlich. Bin ich doch Seewolf-sozialisiert, gespielt vom kartoffelquetschenden Raimund Harmstorf in der vierteiligen Serie von 1971. Davor hatten schon Edward G. Robinson und danach Charles Bronson, Stacy Keach, Thomas Kretschmann oder Sebastian Koch den ruppigen Seebären Wolf Larsen gegeben. „Ruf der Wildnis“, „Wolfsblut“ oder „Lockruf des Goldes“ dürften zu den bekannteren Büchern des Autors gehören, von dem persönlich ich aber nichts wusste und kein einziges Buch gelesen habe. Vielleicht das Buch „Der Seewolf“ in meiner Kindheit, daran erinnere ich mich nicht. Dabei ist Kindheit schon der große Fehler in der Jack London Wahrnehmung, denn viele nehmen ihn nur als Kinder- und Jugendbuchautor wahr, der er aber mit Sicherheit nicht ist. Und er ist auch nicht gerade ein perfektes literarisches Vorbild. Natürlich ist er das Kind seiner Zeit, aber manche seiner literarischen Ideen, sind zu Recht in Frage zu stellen, nur sehr liebevoll als Ausrutscher zu bezeichnen. Faktisch hingegen drückt sich in manchen seiner literarischen Ideen aber ein, heute völlig überholtes, kolonialistisches Welt- und Menschenbild aus. Ganz besonders gegenüber China, was ihn auf gefährliche Weise brandaktuell macht. Siehe Marginalie unten.

Jack London

Ein großer Sozialist und ein Abenteurer

The Unparalleled Invasion - Jack Londons unbekannteste Geschichte

Bei dem Werk „The Unparalleled Invasion“ handelt es sich um einen futuristischen Bericht über eine, durch explosionsartiges Bevölkerungswachstum in China ausgelöster Krise. In Jack Londons China der 1970er herrscht bedrohliche Überbevölkerung in China und die laut Jack London „monströse Flut des Lebens“ wird zu einer Bedrohung globalen Ausmaßes. Jack Londons Werk findet sich im Kontext antichinesischer rassistischer Ressentiments. Der abwertenden Ausdruck „Die gelbe Gefahr“ für weite Teile der Weltbevölkerung geht wahrscheinlich auf den russischstämmigen Soziologen Jacques Novikow und seinen Aufsatz „Le péril jaune“ aus dem Jahr 1897 zurück. Im Buch endet der Kampf gegen die chinesische Invasion in einem brutalen Völkermord, da andere militärische Mittel an der Autarkie des chinesischen Großreiches scheitern, wird der Einsatz von Biowaffen als die einzige Möglichkeit zur Lösung des „chinesischen Problems“ dargestellt. Die detailreiche Schilderung eines solchen Völkermordes wird von Jack London ohne jegliche moralischen Einwände betrieben.

Quelle: Wikipedia

Eine kleine zeitliche Einordnung: Es ist 1876, das Jahr in dem die invasiven weißen Männer in einer großen Schlacht an einem Nebenfluss des Bighorn River, dem Little Bighorn River, vernichtend von den sich verteidigenden Lakota- und Dakota-Sioux, Arapaho und Cheyenne geschlagen werden. Es ist das Jahr, in dem Alexander Graham Bell das Patent für das Telefon einreicht, zwei Stunden vor Elisha Gray, von dem heute leider zu wenige Menschen etwas wissen. 1876 ist das Jahr, in dem die kolonisierende Königin Victoria von England sich selbst als Kaiserin von Indien proklamiert. Das britische Empire ist auf seinem Höhepunkt. In Bayreuth finden die ersten Richard-Wagner-Festspiele statt. Samuel Langhorne Clemens aus Hartford in Connecticut - auch bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain - veröffentlicht den Abenteuerroman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“. Dreiviertel des Jahrhunderts sind bereits vorbei und die größten gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche stehen noch bevor.

Der Amerikanische Bürgerkrieg liegt erst 11 Jahre zurück und die USA sind in einer Phase der Rekonstruktion. Die Kriege mit den Ureinwohnern dauern, dank der immer weiter nach Westen fortschreitenden Landnahme, weiter an und werden noch bis 1890, dem Massaker von Wounded Knee, tausende Menschen vertreiben, ermorden und zu Waisen machen. Der Westen der USA befindet sich in einem kontinuierlichen, nomadenhaften Goldrausch. Denn, immer wenn eine Goldfundstätte ausgebeutet war, zieht der ganze gierige Haufen weiter. Im Jahr 1876 ist der Goldrausch von Kalifornien schon lange vorbei, aber auch in Montana, den Black Hills und schließlich am Klondike, in Alaska in den 90ern der neunzehnten Jahrhunderts, steigt den Invasoren das Gold zu Kopf. Währenddessen und ungerührt vom Morden und Abschlachten im Westen, industrialisiert sich der Osten, angeführt von der Textilindustrie, gefolgt von Stahlindustrie und anderen Branchen, die auf die billige Arbeitskraft der Exsklaven und die der europäischen Einwanderer setzen. Jenny Lind war schon 1850 und 1851 da, kaum zu glauben, dass so viel Hochkultur so viel sozialem Abgrund im Westen gegenüber stand.

John Griffith Chaney alias Jack London

In dieser Zeit erblickt am 12. Januar 1876 in San Francisco John Griffith Chaney das Licht der Welt. Er ist der nichtehelicher Sohn von Flora Wellman und William Henry Chaney. Flora Wellmann heiratete aber im Herbst 1876 nicht Chaney, sondern den Kriegsveteranen und Zimmermann John London. Die Familie war arm und zog 1886, Jack war 10 Jahre alt, nach Oakland. Jack lebte zu dieser Zeit häufig im Hause seiner Ziehmutter Virginia Prentiss, die eine wichtige Bezugsperson für Jack wurde. Beide - sowohl Zieh- als auch leibliche Mutter sollten Jack London überleben.

Es lohnt sich viel über Jack Londons Jugend zu lesen. Denn obwohl er als Kind immer arbeiten musste, schaffte er es trotzdem, sich eine beachtliche literarische Bildung zu verschaffen. Er musste unmenschlich viel und schwer arbeiten. Mit 15 Jahren zwölf bis achtzehn Stunden am Tag in Hickmott’s Konservenfabrik. Mit 16 wurde er mit einem selbst gekauften Boot der jüngste Austernpirat in der Bucht von San Francisco. Schon in jungen Jahren reiste er viel auf See, auf einem Robbenjäger nach Japan und schrieb seinen ersten Text „Taifun of the Coast of Japan“. Er demonstrierte mit Arbeitslosen, schlug sich als Hobo - Wanderarbeiter durch - studierte mit 20 an der Universität von Berkeley. Das Studium brach er ab um seine Familie zu unterstützen, dafür arbeitete er in einer Wäscherei, später schaufelte er im Heizkraftwerk Oakland Kohle. Dort arbeitete er die Arbeit, die zuvor zwei Mann gearbeitet hatten.

Diese harten Jugendjahre brachten Jack Londons zur empirischen Bestätigung der Erkenntnis, dass der Kapitalismus die Arbeiter ausbeutet. In diesem Gedanken bestärkte ihn die Lektüre des Deutschen Karl Marx, sowie des britischen Philosophen und Soziologen Herbert Spencer und des Naturforschers, Zoologen und Evolutionsbiologen Charles Darwin.

London schrieb insgesamt 27 Romane, darunter einige sehr bekannte wie „Der Ruf der Wildnis“, „Wolfsblut“ oder „Der Seewolf“, „König Alkohol“, „Martin Eden“ oder „Die Eiserne Ferse“. Dazu kamen 6 autobiographische Werke, 4 Dramen und 196 Kurzgeschichten. Desweiteren vermutlich über 400 Gedichte, nonfiktionale Zeitungsartikel, Sozialstudien und Reiseberichte. Und dies alles in nur knapp 25 Jahren.

Jack London

Die Hauptfiguren in seinen späteren Erzählungen sind Menschen, die sich bemühen, anderen Menschen beim Überleben zu helfen.

Über Jack London, Wikipedia

Als wäre dies nicht genug, unternahm Jack London lange und beschwerliche Reisen, war politisch aktiv, recherchierte politisch verdeckt wie zum Beispiel im Londoner East End, war Kriegsberichterstatter, versuchte sich auf seiner Ranch als moderner Bauer und Schweinezüchter. Die amerikanische Autorin Sue Hodson bezeichnete Jack London in ihrer TV-Dokumentation sogar als ökologischen Vorreiter. Alles war, als würde Jack London dem Leben Hemmingways vorgreifen. Er brannte lichterloh. Sein Leben war ein einziges lichterlohes Lebensfeuer, vielleicht nicht darauf ausgerichtet lange und stetig zu brennen, sondern kraftvoll, heiß und grell, kraftvoll und in hitzigen Schwaden, ganz wie die Osterfeuer aus aufgeschichteten Tannen und Fichten, wie man sie im deutschen Sauerland zu Ostern verbrennt.

Jack London heiratete zweimal und seine zweite Frau Charmian Kittredge London war selbst eine erfolgreiche Autorin und schrieb mehrere Biografien über ihren verstorbenen Mann. Sie selbst ist mehr Zitate und Essays wert.

Die vielen Reisen und die teilweise mittelalterlichen Behandlungen seiner Erkrankungen führten zu einer dauerhaften Schädigung von Jack Londons Gesundheit. Mit 40 Jahren starb Jack London an einer Urämie, einer Harnvergiftung, wahrscheinlich durch eine dauerhaft geschädigte Niere.

Letzte Worte

Der Sinn des Lebens?

Zeit zum Ausgangspunkt zurückzukehren - zum Ende des Filmes „No Time To Die“. In der Sache vereinte Menschen stehen um einen Tisch und trinken Whisky. Der neue männliche M - seit Spectre - spricht einen Toast aus. Dazu nimmt er interessanterweise ein Buch zur Hand, dessen Deckblatt ich im Film leider nicht erkennen konnte. Möglicherweise ist es eine Ausgabe von Jack Londons Abenteuergeschichten „Jack London’s Tales of Adventure“, 1956 herausgegeben von Irving Shephard, Londons literarischem Nachlassverwalter nach Charmian Londons Tod. Shephard wuchs auf Jack Londons Ranch The Beauty Ranch auf. Er war der einzige Sohn von Jacks Stiefschwester Eliza London Shepard.

M alias Ralph Fiennes mit der Synchronstimme von Udo Schenk zitiert:

Jack London

Die eigentliche Funktion des Menschen besteht darin, zu leben, nicht zu existieren. Ich sollte meine Tage nicht damit verschwenden, sie zu verlängern. Ich sollte meine Zeit nutzen.

Im Original

The proper function of man is to live, not to exist. I shall not waste my days in trying to prolong them. I shall use my time.

London, Jack: San Francisco Bulletin vom 2. Dezember 1916

Das Erste, was mir bei allen deutschen Übersetzungen aufgefallen ist: shall übersetzen viele zumeist mit werde und nicht mit soll. Dabei soll shall eigentlich immer dann mit sollte übersetzt werden, wenn Regeln beschrieben werden, und dies ist ja augenscheinlich der Fall. (Anmerk. Ich bin kein Anglist, also nicht sicher.)

Die Quellen

Das Zitat stammt sehr wahrscheinlich und wirklich von Jack London, dafür gibt es aber keinen handschriftliche Beleg in seinem Nachlass. Sein Nachlassverwalter Irving Shephard, so schreibt es die Website london.sonoma.edu, hat es der oben genannten Sammlung von Abenteuergeschichten vorangestellt. Das ist eine Quelle der zwei Quellen. Die andere ist, da sind sich mittlerweile alle einig,der San Francisco Bulletin vom 2. Dezember 1916. Jack London starb am Mittwoch, den 22. November 1916. Die Zeitung erschien 10 Tage später. Der Journalist Ernest J. Hopkins hatte Jack London ein paar Wochen vor seinem Tod auf seiner Ranch besucht und dieses Zitat von seinem Besuch mitgebracht. Randnotiz: Interessanterweise ist Hopkins der Journalist, der das, um 1900 neue Wort, Jazz vollwertig in die Alltagssprache und die Artikel der Zeitungen aufnahm.

Der heute millionenfache Bezug auf diese Quelle könnte sich auch in dem Umstand erklären, dass london.sonoma.edu die Ausgabe der Zeitung erwähnt. Und tatsächlich findet sich auf der in den Quellen (s.u.) verlinkten Zeitung The Bulletin der, im Gegensatz zum Film vollständige zitierte Text Jack Londons in der vierten Spalte eines Kastens unter der Headline "What Life Means To me" wieder. Er lautet:

Jack London

I would rather be ashes than dust. I would rather that my spark should burn out in a brilliant blaze than that it should be stifled by dry-rot. I would rather be a superb meteor, every atom of me in magnificent glow, than a sleepy and permanent planet. The proper function of man is to live, not to exist. I shall not waste my days trying to prolong them. I shall use my time.

London, Jack: San Francisco Bulletin vom 2. Dezember 1916

In der deutschen Übersetzung lautet er:

Jack London

Ich möchte lieber Asche sein als Staub. Ich möchte lieber, dass mein Funke in einer brillanten Flamme verbrennt, als dass er durch Trockenfäule erstickt wird. Ich wäre lieber ein großartiger Meteor, bei dem jedes Atom von mir in prächtigem Glanz erstrahlt, als ein schläfriger und dauerhafter Planet. Die wahre Aufgabe eines Menschen ist es, zu leben, nicht nur zu existieren. Ich sollte meine Tage nicht dazu verschwenden, sie zu verlängern. Ich sollte meine Zeit nutzen.

London, Jack: San Francisco Bulletin vom 2. Dezember 1916

Einen weiteren Beleg für die Echtheit des Zitates liefert Jack London 1909 in einem Brief an die australische Suffragette Vida Goldstein, in Melbourne "Seven years ago I wrote you that I'd rather be ashes than dust. I still subscribe to that sentiment." (Quelle: https://london.sonoma.edu/faq).

Bedeutung

An der ersten Phrase des Zitates hat sich über eine lange Zeit eine Diskussion entzündet, ob Jack London vielleicht Selbstmord begangen haben könnte. Heute entspricht die Auffassung der Aussage weitgehend der bereits schon von mir weiter oben vertretenen These, das Jack London Zeit seines Lebens lichterloh, wie eine von Leidenschaft getränkte Fackel, brannte. Von einem Feuer bleibt nur Asche, von Verwesung nur Staub und Dreck. Auch Meteoren verglühen in einem einzigartigen Prozess in der Atmosphäre, es gibt keinen vergleichbaren Prozess, den wir Menschen in der Lage wären zu erschaffen. Der Eintritt in die Atmosphäre, der Überschallknall bei Zusammenpressen der Luftschichten - die meisten Meteore verglühen bereits in der Atmosphäre, da sie dort ihre kleine Masse vollständig in Energie umwandeln. Das Zitat entspricht ganz und gar Jack Londons Lebensüberzeugung, keine einzige Sekunde seines Lebens verschwenden zu wollen. Keine Sekunde. Ja, es ist möglich, seine Tage verlängern. Alt zu werden, langsamer zu leben - aber das ist nicht in Jack Londons Sinne. Dann lebt der Mensch nicht mehr richtig - im schlimmsten Falle geht die geistige, direkt in eine körperliche Verwesung über. Niemals Staub sein, immer Asche.

Ich möchte nicht das Ende des Films „No Time To Die“ spoilern. Jeder soll sich selbst ein Bild machen. Der Daniel-Craig-Bond hat in den 15 Jahren, in der wir ihn miterleben durften, auf eine andere Art und Weise gebrannt, als seine Vorgänger. Im nach hinein wirken seine Vorgänger blass, oberflächlich und so gänzlich anders auf mich. Das ist ja oft so. Ich bin auch gespannt wie die von Christian Bale gespielten Batman-Verfilmungen in ein paar Jahren wirken werden. Brosnan erscheint nun als reiner Episoden-Bond, der keine Geschichte, keine eigene Persönlichkeit mitbringt. Er ist nur ein Typ, den man vom Plakat kennt, der mit ziemlich unreflektiertem Macho Frauen aufreißt, aber keine eigene Geschichte und Persönlichkeit mitbringt. Dabei fand ich Goldeneye nach den Timothy Dalton Bonds großartig und Brosnan in der Rolle sehr gut. Aber Brosnan ist eher der Typ, der elegant auf einer Cocktail-Party auftaucht, während Craig der Typ ist, den wir an unserer Seite haben wollen, wenn etwas Schlimmes passiert, weil er für eine Idee brennt, nicht für seinen Chef.

Zum Einrahmen

Was bleibt denn nun?

Es ist eine Binsenweisheit, dass das Leben nicht linear verläuft. Es ist eigentlich wie im Urlaub, die erste Woche endlos, die zweite neigt sich wie eine Rampe dem Ende zu, jeden Tag ein wenig steiler. Keine Zeit zum inne halten, überhaupt zu wenig Zeit.

Eigentlich ist die Aussage der Macher des Films doch relativ banal. Wie im Affekt fällt mir immer der Buchtitel eines Buches von Dale Carnegie ein: "Sorge Dich nicht, lebe". Das hat nun überhaupt nichts mit dem Film zu tun, doch eigentlich schon. Denn in seiner Verkürzung findet sich das Zitat auch in seiner Sinnlosigkeit wieder. Es ist doch nur ein Kalenderspruch. Er entfaltet seine Wirkung im Pathos des Momentes, in der ritterlichen Runde, die die Protagonisten am Ende des Films bilden und in der sie uns auf etwas einschwören, was die plausible Lebensphilosophie eines der größten Abenteurers der vorletzten Jahrhundertwende war. Jack Londons Leben war kurz, aber er hat gebrannt, für das Leben und die Dinge, die ihm wichtig waren. So auch Bond, der am Schluss seiner Laufbahn in der Verkörperung des physisch so präsenten Daniel Craig noch einmal alles gibt.

London, Jack: What Life means to me; San Francisco, 1916
London, Jack: What Life means to me; San Francisco, 1916
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Antworten

Ich habe mir selbst in diesem kleinen äh grossen Essay zu Bond und der raffinierten Einbettung von Literatur in Actionfilme eine Menge Fragen gestellt und dem aufmerksamen Leser - der es bis hierher geschafft hat, dafür übrigens ein sehr herzliches Dankeschön - fällt bestimmt auf, dass ich sie nicht alle beantwortet habe. Das möchte ich in aller, für einen Sauerländer möglichen, Kürze nachholen.

Was sind uns eigentlich Helden wert?

Eine schöne Antwort darauf liefert Jack London selbst. In seinem kleinen Essay "What life means to me" schreibt er sehr persönlich über seine Lebensphilosophie und seine Lebensauffassung. Das ist kein dicker Band und man hat die groß gedruckten 24 Seiten des post mortem erschienenen Bändchens (ja, bereits 1916 verstanden Verlage etwas vom Geschäft) schnell gelesen.

London war sich zeitlebens, aber besonders in seiner Jugend der gesellschaftlichen Stellung, in der er sich befand, sehr bewusst. Er schreibt:

I had no outlook, but an uplook rather.

Er hatte keinen Ausblick, sondern nur einen Aufblick. Alle standen über ihm. Wenn ich diese Formel einmal auf Helden anwende, was ein bisschen rhetorischer Magie bedarf, dann komme ich zu dem Schluss: auch Helden stehen immer mindestens eine Stufe über uns. Sie tun Dinge, die wir nicht tun können, nicht tun dürfen. Bei Bond wissen wir, eigentlich ist er ein soziopathischer Killer, aber er macht Witze, ist jetzt noch netter zu Frauen, nimmt sie ernster, übernimmt Verantwortung und sich selbst nicht mehr so ernst wie vielleicht früher. Wir mögen ihn. Zumindest die meisten Männer, aber auch viele Frauen die ich kenne, und da ich ein Mann bin, spreche ich nur für dieses Geschlecht. Nie sein wie Bond, nie ein Held sein. Helden sind eine andere Liga, was die passende Fussball-Metapher dafür ist. Trotzdem lieben wir sie, brauchen wir sie.

Sind Helden denn überhaupt gut für uns? Lenkt uns der ständige Blick nach oben nicht von unserer Verantwortung für unser eigenes Leben ab? Wie steht unser alltägliches Leben im Dauervergleich mit unseren Helden da?

Schadet uns dieser Dauervergleich oder spornt er uns an. Terry Gilliam hat dies in seinem Film Brazil genial verfilmt. Der völlig unwichtige Versicherungsangestellte Sam Lowry gerät durch einen Bug, einen durch eine Fliege verursachten Tippfehler, in eine wilde und groteske Verschwörung, der er physisch und tatsächlich nichts entgegenzusetzen hat. In zahlreichen aufwändigen Traumsequenzen sehen wir ihn aber vom Heldentum träumen. Der Film nimmt für Lowry kein gutes Ende.

Vorbilder sind wahrscheinlich in der Erziehung ein gutes Mittel zur moralischen und ethischen Entwicklung. Es gibt eine klare und einfache Ordnung. Das Gute. Das Böse. Kein Grau, keine Differenzierung. Ich bin sehr froh, diese Art der Erziehung genossen zu haben. Dies unter anderem in der Form von zahlreichen römischen, griechischen und deutschen Heldensagen und Mythen. Parsival, Lohengrin, Dietrich von Bern, Herakles, Odysseus, Theseus und wie sie alle hießen, daneben die ganzen deutschen Märchenfiguren beherrschten meine Kindheit. Sie gaben mir eine Richtung vor. Einen Kompass.

Doch das Leben ist grau. Wer ist wirklich gut, wer böse? Diese Frage lässt sich immer schwerer beantworten und das selbst wiegt wiederum sehr schwer. Denn wir brauchen für uns persönlich klare Erkenntnisse über die Realität, weil wir im dauernden Abwägen zwischen den Grautönen keinen klaren Blick mehr gewinnen.

Für ein paar Stunden gibt ihn uns das Kino zurück.

tl, dr;

Es ist vielleicht das kraftvollste, was man über das kurze, aber lange nachhallende Leben Filmfigur James Bond  in den letzten 5 Verfilmungen sagen kann. Er hat keine Zeit verschwendet, er hat lichterloh gebrannt, für seine Nächsten, für seine Liebe, für seine Mission. Und zitiert wird ausgerechnet der Abenteurer und Romanautor 

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