Auf der Suche nach der verlorenen (Lebens)Zeit

Erinnern ist anstrengend

Warum das Archivieren von Bildern so viel Kraft kostet, Bilder mehr sind als nur Abbilder und was Bilder mit Madeleines gemein haben?

Januar 2021 habe ich die Archivierung aller meiner Digitalbilder abgeschlossen und ich habe mich oft abends gefragt, warum diese Arbeit des Anschauens, des Ordnens, des Archivierens und Verschlagwortens eigentlich so anstrengend ist.

Edi Zollinger

Die Erinnerung ist der Spiegel, in dem wir uns selbst sehen (...)

Quelle: Edi Zollinger, Auf der Suche nach der Quelle - von Andersen bis Ovid

45000 Bilder habe ich jetzt insgesamt im Archiv, alle verschlagwortet und ordentlich in Ordnern und Unterordnern abgelegt. Die Arbeit war sehr anstrengend, besonders aber emotional belastend und ermüdend. Nach diesem selbstauferlegtem Projekt fiel ich dann erst einmal in ein großes Loch. Das ist zwar oft nach langen Projekten so, aber warum war diese Arbeit so besonders kräftezehrend und anstrengend?

Auf der Suche nach der verlorenen (Lebens)Zeit - Marcel Proust. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marcel_proust_2.jpg
Marcel Proust. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marcel_proust_2.jpg
Erinnerungsarbeit

45.000 Bilder anschauen und verarbeiten

Es ist ganz klar. Das Anschauen der Bilder ist eine anstrengende Arbeit. Und abends frug ich mich, was mache ich eigentlich mit diesem bestens sortierten Fotoarchiv und warum eigentlich gebe ich mit diesen bildhaften Erinnerungen so viele Mühe? Ich lag nach den langen Stunden Bilderarchivierens oft abends im Bett und habe überlegt, wie mein Leben sich aus diesen Ereignissen zusammensetzt, wie die Abbilder der Ereignisse, Personen und Orte meine Erinnerungen wiederbelebten, wie sie mich neu bildeten, fast so wie eine Plastik aus Ton von einem Bildhauer geschaffen wird.

Ein Wort aus der jüdischen Tradition lautet:

Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung

Erinnerungen zu wecken bedeutet, Vergangenes freizulegen, um mit ihm ins Reine zu kommen.

Quelle: Herma Brandenburger, Deutschlandfunk Kultur

Dabei geht es in diesem Zitat vor allem um Erinnerungen, mit denen wir uns noch nicht versöhnt haben. Mit meinen 45.000 fotografischen Einzelerinnerungen bin ich aber völlig im Reinen. Wobei nicht ganz. Bei der Ablage all dieser Bilder, beim taggen und verschlagworten all dieser Erinnerungen, Ereignisse, Orte und Momente spürte ich am Ende der Arbeit eine große Erschöpfung und merkte, wie viel Kraft mich das Erinnern kostete.

Urlaube, an denen ein Streit den Tag versaute, Freunde, deren Gesichter ich wiedererkenne, mit denen ich aber aus vielen Gründen nichts mehr zu tun habe. Berge, die ich wegen eines gebrochenen Fußes nicht besteigen konnte, Wanderungen, die ich beenden musste, weil ich keine Unterkunft fand und alleine, einsam und verzeifelt war, meine vorübergehende Angst bei meinem ersten und einzigen Atlantikflug. Ich habe über die Gründe für den seelischen und physischen Kraftakt nachgedacht und dann kamen viele Emotionen hoch. Dabei verband mich die Arbeit mit den Bildern mit einer großen Freude, erfüllte mich mit Glück und Zufriedenheit, als ich an all das Erlebte und Geleistete dachte. Aber eben auch das kostete Kraft, zehrte mich langsam aus.

Was sind Erinnerungen?

Total Recall

Erinnerungen sind das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen, schreibt Wikipedia. Sie sind in unserem episodischem Gedächtnis gespeichert und setzen sich aus bildhaften Elementen, filmischen Szenen, Geräuschen, Gerüchen, Klängen und Gefühlen zusammen. Die Erinnerungen werden komprimiert gespeichert und müssen bei Aktivierung aufbereitet werden. Erinnerungen können fast fotorealistisch und sehr genau, ebenso aber nur vage und ungefähr sein.

Neben dem episodischen Gedächtnis gibt es noch das autobiographische Gedächtnis, das Episoden mit großer und übergeordneter Bedeutung für uns speichert.

Das autobiographische Gedächtnis hat essentielle individuell-persönliche und soziale Funktionen, ist identitätsstiftend, sinngebend, psychodynamisch, sozial-kommunikativ und nimmt wichtige direktive und handlungsanleitende Aufgaben wahr. Zudem ist es werte- und zielebestimmend und eng verknüpft mit dem Selbst.[2] Ohne das dort gespeicherte autobiographische Wissen kann keine Kontinuität und keine Kohärenz im eigenen Leben wahrgenommen werden und keine Entwicklung von Identität stattfinden.[1] Besonders wichtig ist das autobiographische Gedächtnis zur Bildung einer eigenen Identität.

Quelle: Wikipedia

Es ist sehr gut erforscht, wie Erinnerungen entstehen und warum Erinnerungen oftmals nicht so exakt sind, wie wir denken (siehe Fußnoten). Das Gehirn funktioniert eben doch nicht wie eine Festplatte oder Videokamera, die Ereignisse eins zu eins aufzeichnet. Im Gehirn abgelegte Informationen bleiben nicht unverändert. Ein gutes Beispiel dafür ist der Angler, dessen gefangener Fisch jedes Jahr größer und größer wird, je öfter er von seinem Fang erzählt. Und wie gerne wir aus einer Mücke einen Elefanten machen, das wissen wir selbst.

Erinnerungen, die unter starken Emotionen geschehen, sind oftmals verfälscht und ungenau.

Erinnerungen abrufen

Madeleines in Tee tunken

Es gibt einen Geruch, an den kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es ist der Geruch unseres Hausflures und Treppenhauses in der Kluser Höhe in Wuppertal-Elberfeld. Eine Mischung aus Bohnerwachs, Putzmitteln, Kohlestaub und Lagerkartoffeln, Parfum und lange getragenen Mänteln.

In die Literaturgeschichte eingegangen ist eine berühmte Szene aus Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die Madeleine Episode (peter-matussek.de / http://www.peter-matussek.de/leh/s_18_material/s_18_m_07/proust_madelaine.pdf).

Marcel Proust:

Ebenso ist es mit unserer Vergangenheit. Vergebens versuchen wir sie wieder heraufzubeschwören, unser Geist bemüht sich umsonst.

Quelle: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Die Szene handelt davon, wie Proust eine Madeleine in seinen Tee tunkt und ihn Geschmack, Geruch und Konsistenz auf einen Schlag an seine Kindheit erinnern. Er wird von einem unerhörten Glücksgefühl durchströmt, ihm wird sein jetziges Leben gleichgültig und plötzlich wird ihm bewusst warum es ihm so geschieht: Es war der Geschmack der Madeleine seiner Kindheit und mit einem Mal sind alle Erinnerungen wieder da, gelangen erneut an die Oberfläche.

Es ist eine wunderschöne und bedeutsame Stelle der Literaturgeschichte und der Autor und Romanist Edi Zollinger hat sie ganz wunderbar analysiert und auf Ovid zurückgeführt - es lohnt sich sehr dies zu lesen. (Edi Zollinger,Auf der Suche nach der Quelle - von Andersen bis Ovid, https://www.nzz.ch/articleEH1K7-1.60964)

Jürgen Ritte:

Er misstraut der willentlichen Erinnerung, das ist die große Entdeckung Prousts gewesen: Man kann sich willentlich an etwas erinnern, aber alles das, was willentlich geschieht, ist im Grunde genommen nur eine verfälschte Erinnerung. Die wahre Erinnerung, die wahre Empfindung, so, wie es wirklich war, das ist die Offenbarung durch die berühmte unwillkürliche Erinnerung, die mémoires involontaires, das sind so Déjà-vu-Erlebnisse, die man hat.

Quelle: Jürgen Ritte im Interview über Marcel Proust, Deutschlandfunk

Kleinste Dinge schon, zarte Gerüche oder bestimmte Geräusche rufen ganze Erinnerungskaskaden bei uns hervor. Mir ging es letztes Jahr so, als ich die alte Brotmaschine meiner Tante verkauft habe und sie noch einmal mit der Hand durchgekurbelt habe. Das Quietschen setzte ganz erstaunliche Dinge in mir frei. Brote, der Geruch von diesem bestimmten Landbrot, dass es nur an diesem einen VW T2 Bäckerwagen im Sauerland gab, der Klang der Heckklappe, wie sie zuschlug, nach dem sie beim Öffnen einen Geruchsbukett eröffnete, wie es heutige Bäckereien nicht mehr schaffen: richtig vermälzte fermentierte Morgenbrötchen, , Rosinenschnitten, Sauerteigbrote, eckig und rund, Teilchen, Hörnchen, Brezeln und Mandelschnitten und so weiter.

Das sind nur Gerüche, Geschmäcker. Was aber, wenn die Erinnerungen handfest, in Form und Farbe, ja eben fotografisch all diese Prozesse abrufen? Dann ist im Gehirn ganz schön was los.

Und das ist es wahrscheinlich, was mich so geschafft hat, denke ich. Die Kaskaden von Staufen-enthaltenden RNPs in transient transfizierten Neuronen entlang von Mikrotubuli, die die Fotos bei mir ausgelöst haben. Die, wie man sie in Prousts Roman so zahlreich vorfindet, willentlichen und unwillkürlichen Erinnerungen, mit ihren darauf folgenden Assoziationen und Sinneseindrücken und Situationsfetzen, überlagert von geordneten bis wirren guten und schlechten Gefühlen, Stimmungslagen und verschwommenen bis glasklaren Geruchs- und Geräuschteppichen.

Eins ist sicher. Nichts ist sicher.

Das Bild ist kein Bild

Aber die Bilder/Fotos sind es. Sind es doch? Sie sind Wahrheit. Sie sind verlässlich. Objektiv. Nein. Sie sind meine Wahrheit. Sie sind außerordentlich subjektiv, dabei dachte ich, dass sie objektiv etwas abbilden, dabei bilden sie nur/auch meine subjektive Sicht eines Momentes ab. Aber auch das stimmt so nicht ganz. Bei ihrem Anblick kann ich möglicherweise wiederempfinden, was ich im Moment des Fotografierens und des Erlebens empfand, das gleiche Bild ohne mich und meine Erinnerung ist aber nichts. Dazu kommt: Jedesmal, wenn ich es anschaue, ergänze ich Bausteine, Gefühle und neue Impressionen, neues subjektives Empfinden. Vielleicht ergänzt durch die Kommentare anderer Betrachter.

Aber, dass meine Erinnerungen eben nur meine Erinnerungen sind, meine subjektive ungenaue Nachsicht des Geschehenen, das zeigt sich eindrucksvoll, wenn eins diese Fotos den Menschen zeigt, die bei bestimmten Momenten dabei waren oder die man sogar abgelichtet hat. "Schau mal, das ist ein besonders schönes Bild von Dir!" "Nein, überhaupt nicht, schau mal, wie ich da schaue?" "Aber Du warst so zufrieden!" "Nein, ich war nicht zufrieden, ich war nur müde." So geht es mit vielem. "Weißt Du noch wie schön es auf dem Jenner war?" "Vom Jenner musste ich absteigen, mir war schwindelig!"

Und ebenso: Jemand anders schaut ein Bild an und empfindet: nichts oder etwas völlig anderes. Dieses Phänomen dürfte jedem bekannt sein, der einmal einer Dia-Show über eine Urlaubsreise beiwohnte. Die Bilder sind schlichtweg von unmöglicher Qualität, die Personen stehen gestelzt vor uninteressanten Fotomotiven und man empfindet beim Betrachten nicht eine Spur dessen, was der Enthusiasmus des Vorführers uns vermitteln möchte.

Wieso sind mir diesen Erinnerungen so wichtig?

Das Leben im Fluss

Vielleicht weil ich über die Bilder Kontakt zu meiner Vergangenheit aufnehmen kann? Mein autobiographisch-episodisches Gedächtnis hält mich als Ganzes zusammen. Ich kann Teile meiner Erinnerungen löschen, zu anderen Teilen wieder Kontakt aufnehmen, die glücklichen und intensiven Momente noch einmal erleben. Wie schreibt es Wikipedia:

Erinnerung ist das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen.

Quelle: Wikipedia

Ich frage mich: bin ich denn aktuell nicht mit guten Gefühlen in der Gegenwart erfüllt? Tatsächlich muss die Antwort in diesen Corona-Zeiten lauten: Nein, ich bin es nicht. Ich erlebe kaum etwas. Ein leckeres Essen mit der Familie, ein Spieleabend, ein schöner Film. Das war es auch. Auswärts passiert nichts. Null. Nada. Ich fahre nirgendwo hin, gehe nirgendwo aus. Es gibt keine Ziele oder Vorfreude, weil es noch kein Ende der Krise gibt.

Jetzt sehe ich, wie sehr mir diese Erinnerungen auch helfen. Sie helfen mir, mich meiner Selbst zu versichern. Meine Erinnerungen sind die Selbstvergewisserung durch das Wissen um mein eigenes Gewordensein, so schreibt es Katja Patzel-Matern. Sie sagt, in dem ich meinen Lebenslauf rekonstruiere, in dem ich meine Erinnerungen sortiere und verknüpfe, verleihe ich meinem Lebenslauf eine Kraft, die mein Leben für mich erfahrbar macht, die gesammelten Ereignisse, Orte, Zeitpunkte, Menschen, Gefühle konstituieren mich, sie setzen mich zusammen.

In dem die Erinnerung den Zusammenhang zwischen den Ereignissen stiftet, stellt sie zugleich auch die Beziehung zu dem Einzelnen und seiner Umwelt dar.

Quelle: Katja Patzel-Matern, Erinnerung verbindet uns, Erinnerung trennt uns

Wie habe ich in der Vergangenheit gehandelt, mit wem habe ich interagiert, wen habe ich umarmt, geküsst, mit wem habe ich gelacht oder geweint, wo wurde ich operiert, wo bin ich her gelaufen, was habe ich mir erwandert, wo und wie habe ich gegessen, gesehen, gespielt, gehört usw? Meine Lebensgeschichte bin ich, sie macht mich individuell. Ich muss meine Rolle in der Gesellschaft für mich selbst finden, allen meinen Handlungen in den vielfältigen gesellschaftlichen Zusammenhängen selbst einen zusammenhängenden konsistenten Sinn geben. Diese Aufgabe kam dem Menschen immer mehr seit der Renaissance zu und diese Anforderung, sich selbst zu definieren, nimmt mit einem hohen Tempo immer weiter zu. Meine Erinnerung geben mir als Mensch und meinem Ich nicht nur einen Sinn. Sie geben ihm auch Bedeutung, die mir als Mensch in der modernen Gesellschaft nicht mehr automatisch zufällt. Das ist alles sehr subjektiv, ebenso wie meine Eindrücke, meine vielen Fotos es sind. Sie sind Impressionen, sichere Belege für etwas, dessen ich mir nicht mehr automatisch sicher bin.

Meine Erinnerungen sind nicht statisch, sie sind nicht genau, sie sind subjektiv und in einem dauernden Fluss, auf dem ich meine Fahrt nicht immer selbst steuern kann. All diese Bilder sind die Welt an sich, aber durch meine Erinnerungen wird aus ihnen mehr, als nur ein vergangener Moment. Die Bilder helfen mir meiner Selbst und meiner Vergangenheit sicherer zu sein.

Schön, dass ich sie habe und mit ihnen unterwegs bin.

tl, dr;

Ein Bild ist nicht nur ein Bild. Es ist aufgeladen mit meinem subjektiven Empfinden bei seiner Entstehung, beim Erleben des abgelichteten Momentes und mit all meinen Gefühlen beim nachträglichen Betrachten der Abbildung. Erinnern ist anstrengend, weil es mehr ist als nur etwas sehen. Und ohne unsere Erinnerungen sind wir nichts.

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