radzeiten

Ein Textfundstück aus der Zeit 1985 - 1990

Irgendwann in den Jahren 1990 bis 1995 habe ich diesen etwas verrückten, satzzeichenlosen Text über das Radfahren geschrieben. Zu der Zeit las ich viel und ich glaube, dass mich einige Texte stark beeinflusst haben.

Wie das so ist. Nach der Ausstellung ist vor der nächsten. Ich wollte aber zuallerst meinen großen Zeichenpapierschrank aufräumen, da sich in allen Schubläden nunmehr Konvolute aus Zeichnungen, neu gekauftem Buntpapier und Graukarton befanden.

Es wurde Zeit.

Also erst einmal alles raus. In der neuen Werkstatt war genügend Platz zum ablegen und aufstapeln und so konnte ich endlich einmal alles an seinen Platz legen. Und die Aquarelle haben jetzt endlich Platz für sich.

Dabei habe ich dann diesen Text gefunden. Er erzählt eine Geschichte - vordergründig, ist aber eigentlich für mich deshalb interessant, da er zeigt wie assoziativ ich denke, beziehungsweise zu dieser Zeit gedacht habe.

Ich habe ihn wohl auf meinem Apple LC II geschrieben und in Blocksatz gesetzt. So mache ich das jetzt hier auch.

radzeiten

fahren durch landschaften über nasse straßen über denen keine sonne scheint und kein abend aufgeht die blüten in den schmalen durchwässerten schluchten in  den tälern neben den strassen wegen und furten verblühen unbekümmert die bäume stemmen sich nicht mehr gegen den strotzenden sturm aus den vernaldeten wäldern in unmittelbarer nachbarschaft schmale reifen rollen über die strasse und hinterlassen eine vergessliche spur im vergangenen niemandsland hinter uns der regen bedeckt alles und unsere seelen ergrauen vom schalen dunst der nassen ziegel die reifen rollen nicht von alleine den berg hinauf und hinab der berg ein widersprüchliches und scheinbar zu besiegendes monument für den eisernen aber zu brechenden willen mit einer tödlichen erschöpfung endet jedes bezwingen wenn vögel über die schmach von menschen jauchzen wie leer können die wälder täler hügel seelen bäume sein in sie wird nichts hineingeträumt nur aus ihnen hinaus man liegt auf einer wiese 

 radzeiten - Selbstportrait. Rotring Pinsel auf 90 Gramm Zeichenpapier, 1990-1995
Selbstportrait. Rotring Pinsel auf 90 Gramm Zeichenpapier, 1990-1995

nach tagen wenn der lebenspendende guss in das reich von nematoden undwürmern hinabgesunken ist und die sonne scheint überdiesem hades trocken und verderbend die zarten gewächse unserer liebe dörren in der hitze über unseren persönlichkeitsverderbnissen und nur blau so blau wieder himmel über unseren gestirnen vor der sonne leuchtet kann der nächste tag der nächste ächzende gedanken werden wenn sich unsere trockenen spröden rissigen lippen zu einem breiten lachen aufreißen und kein schmerz der welt die liebe zu uns und dem leeren raum um uns zerbrechen verdörren irritieren kann schöpfend aus einer trockenen pfütze voller staubes wird ein leben zu einem formbaren stück lehm mit hohen verdichtungseigenschaften ein ganzer tag voller glück schreit zum himmel auf dem boden der lebendigen tatsachen rollen wie weiter vor unserer zukunft und hinter unserer vergangenheit hinterher hinein in weitere täler über weitere höhen am tödlichen wasser entlang in das wir beide nicht stürzen wollen unbesessen über weite höhen dem himmel oder den sternen bei nacht näher in unseren vergessenen träumen von der zeit die

versiegt von selbst in unserer flut in der wir fernab voneinander und miteinander vom verstrickten spülenden leben fort geschwemmt werden und ankommen wie nirgends mit kurzem händereichen und nicht festhalten können und unsere umarmungen im wasser sind nass vom trockenen zarten reiben ist nichts zu spüren wir gleiten durch uns hindurch aneinander ab und sind wieder so fern am weitesten fern bin ich von mir wenn ich mich schwach wie ich selbst sehe in deinem zerrspiegel von freude angst furcht in einem neuen tag dreut mir wieder etwas anderes und in den gärten blühen die blumen in starken rabatten und können nicht auf die liebe der menschen verzichten sind sie doch erst durch sie das geworden was wir sind liebesarchäologie betreiben wäre totenkult pflegen wo sie sich zeigt schaue ich ihr manchmal ins gesicht und verstehe mich nicht, wie ich vor der nackten zuneigung meines liebstenso zurückschrecken kann mit meiner wilden verzweifelten agonie alles aus dem weg aus dem gesichtsfeld schlage wo sich mir das schönste vor augen zeigt vorbei unter bäumen rollen die räder reiben in kurven

den asphalt streicheln schotter und geben staub ein eigenes profil es tauchen aus dem wasser blasen auf und verschwinden in wilden strudeln unter den brücken und blicken noch einmal traurig nach oben auf und vergessen nicht, was sie sind und waren kurze feine kleine eindrücke aus ein bißchen sauerstoff und sind schon ohne ein blinzeln im wasser vergangen und tauchen vor anderen gesichtern ebensowenig ängstlich wieder auf und erinnern die menschen in flachen und gebirgigen landschaften an kurze momente die farne wedeln tränend im regen dazu und was sich unsere wangen hinabwälzt ist nicht immer fröhlichkeit und zuversicht die tränen rollen die zäune versperren leider gatter der beldnung (sic!) die sicht auf das land dahinter und kein sterbenswörtchen berührt unsere lippen dringt zwischen ihnen hervor wieder im schweigen treffen wir zusammen wenn wir am weitesten von uns weg sind wenn ich nicht zu mir finde verliere ich nicht nur mich in mir gehe ich verloren nicht neben mir ich suche mich in mir und bin in mir verschwunden und trete an einem anderen ort wieder ans licht unter einer großen weißen wolke die

mich verdunkelt in einem sind die umwege wohl grenzenlos wenn sie über uns zusammenschlagen verirrungenim leben wie fühler ausgestreckt und in jeder ecke gibt es etwas zu finden durch die vielen schichten der welt kann man sich kaum finden alles ist zwar entblättert aber die feinen krusten lösen sich in vergänglichem blätterteig auf wenn die sprache auf tage kommt vergehen sie einmal mehr in einem langen verirren im tage selbst und die suche nach dem verirrten verbraucht so viel energie und das aufstehen zu eine strapaziösen angelegenheit wird ist das wetter zu schlecht nur die nacht ward verschwitzt und ist gerade der tag angebrochen hat es den abend schon umgebracht und die resulte sind gar zu erbärmlich es zählt nur ein geschriebenes wort oder ein gefasster gedanken nicht aber ein fester und nicht ungewisser strich auf dem papier die räder rollen zwischen breiten hecken wiewohl sie so fein gestutzt sind in ihrer alles überbordenden wildheit vergewissern wir uns des raumes der zeit die hinter ihnen liegt und uns durchdringt ein strom von phantasien und geschichten die sich abspielen wenn einsame bauern

die gemütlichen und geselligen kühe auf eine verdistelte weide bringen und sich ihre geschichten anhören zarte und zotige geschichten vom geschlechtsverkehr hinter den hohen geschnittenen hecken von dem rammen der hörner im geschlechterkampf von den verstrickungen in die weiten hareme der kühe auf von drahtigen zäunen und wohlfeil geschnittenen hecken und die spitzen markierten ohren der gehörnten viecher hören dem wimmern der bauern zu der von allem verlassen traurig auf seiner wiese zwischen ertragreichen kühen liegt und nicht hinter die wohlgeschnittenen grenzen seiner kleinen welt schauen kann wo draussen zwischen zwei rädern vorbeirauschen die zwanglos wie die zeit stehenbleiben wollen und den moment des rindertriebes ebenso genießen und so kommen sich verschiedene welten zwischen zwei wohlgeschnittenen hecken näher und bleiben still stehen und es muß nicht viel gesagt werden die vögel schweigen dazu und wenn erst einmal das meeresrauschen zwischen dem vielstimmigen wispern der gräser erklingt und mit donnerndem getöse die wellen an unsere körperlichkeit schlagen dann

können wir angestossen oder mitgerissen oder fortgespült oder zerschmettert werden so sehr wir uns in diesem wässrigen sturm verkrampfen so sehr wir uns nach vielen jahren dagegen anstemmen und kleine wellen ertragen bleibt doch das meer voller zeit so ungewiß und die berge der wellen immer höher als es unsere phantasie spielt und das meer zieht sich auch wieder zurück und das wenige verbliebene wasser unserer augen spült um die feinen zerstossenen geschrammelten steine unseres gemeinsamen weges.

Ende.

tl, dr;

Ein surrealistischer, assoziativ geschriebener Text über das Radfahren, Beziehungen und das Erleben von Landschaft.

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