Rückwärts fahren

Eine Fensterreise von Wuppertal nach Hamburg

Die Welt mäandert an uns vorüber wie das flache Land in Niedersachsen, wenn man rückwärts schauend aus dem Zugfenster blickt.

Ich schaue aus dem Fenster. Da ich rückwärts zur Fahrtrichtung sitze, wirkt der Doppler-Effekt doppelt auf mich. Das was ich sehe, sehe ich später, als ich es sehen würde, würde ich in Fahrtrichtung aus dem Fenster schauen.

Der Sitz mir gegenüber ist leer. Auf dem Fußboden liegen Krümel. Jemand hat etwas Krümeliges gegessen, ich war es nicht. Heute sitze ich gegen die Fahrtrichtung. Der Bahnsitzplatzcomputer hatte diese Idee und mich so hingesetzt. Rückwärts. Manchen Menschen wird davon schlecht. ich blicke hinaus und die Welt gleitet aus meinem Blick, nicht in ihn hinein. Sie taucht rasend schnell in meinem Augenwinkel rechts auf, dehnt sich auf eine etwas mehr als ein Meter breite Fensterfläche aus und verschwindet dann erstaunlich langsam im Nichts des Wagenkastens. Verschluckt der Zug die Welt oder erreicht das Licht der Welt mein Auge nicht, weil mir die Bahn die Sicht verstellt?

Matterhorn. Baumlose Wiese.

Nebenrollen

Ich verstehe Panorama-Wagen. Die Welt wird nicht so stark verkleinert. Sie tut sich vor uns auf. Wie eine Bühne. Auftritt Hauptdarsteller. Zermatt. Das Matterhorn. Hier ist es eine baumlose Wiese. Eher eine Nebenrolle. Schaue ich rückwärts aus dem Zug kommt mir nichts entgegen, es bleibt alles zurück, flieht vor mir.

Thomas Wolfe:

Viele von den Bildern, die in ihm gespensterten, hatte er aus vorbeisausender Landschaft durch das Zugfenster aufgefangen. (...)
Ich bin - dachte er - ein Teil von alldem, was ich erlebt habe, was mich erlebt hat. Und das Erlebte hat kein Sein, außer dem, das ich ihm gewährte.

Thomas, Wolfe, Schau Heimwärts, Engel!, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1954, Seite 151

Der Zug fährt in Bremen Hauptbahnhof ein. Er verlangsamt. „Ausstieg in Fahrtrichtung links.“ Wann haben wir verlernt selber zu sehen, in welche Richtung wir aussteigen müssen. Wir haben es nicht verlernt, wir werden nur langsam entmündigt. „Bitte nutzen Sie zum Einstieg alle Türen!“ Beim Ausstieg werden wir dazu nicht ermutigt. Man möchte uns also durch alle Türen hineingehen wissen, aber nicht durch alle Türen hinaus?

Es klappert, es raschelt. Koffer rumpeln gegen die Bestuhlung, Taschen wären jetzt leiser. Knistern winddichte Kunststofffaserjacken lauter beim Ausziehen als die gute alte gewachste Baumwolle? Die neuen Fahrgäste sitzen. Der neue Zugchef ist beredter als der alte. Er geht über eine einfache Begrüßung hinaus, wir erfahren die verspäteten Ankunftszeiten, es wird sich aber nicht für die Verspätung entschuldigt.

Der Zug rollt aus Bremen hinaus und beschleunigt unmerklich. Schon bleiben die Kleingärten schneller hinter mir zurück, als es noch die Ausfahrtgleise des Bahnhofs taten. Haben die Kleingärten das verdient? Für sie war nicht so viel Zeit. Zeit verkürzt den Raum, Einstein wusste dies ebenso wie der französische Philosoph Paul Virilio.Seines Erachtens vernichtet die Geschwindigkeit den Raum und verdichtet die Zeit.

Gut. Die hässlichen Vorortbürofabriken mit ihren Zwangsparkplätzen haben es verdient zurückzubleiben. Die Welt beschleunigt sich relativ, wie kann man da ruhig in seinem unbequemen zweite Klasse IC-Sitz zurückgelehnt sitzen bleiben?

Auf einen Vorortbahnsteig hat man weiße Streifen aufgemalt. Sie wischen grau vorbei. Auf den flachen grünen Weiden große Pfützen voller grauen Himmels. Damit können die Bauern jetzt glänzen, das Vieh kann daraus saufen, das Gras aber muss ertrinken. Des Himmels Grau zeigt sich nicht einheitlich, am Horizont leuchtet es heller, ein Horizont, der wie alles nicht vor mir aufgeht sondern hinter mir zurückbleibt. Ich entferne mich von ihm mit 160 Kilometer in der Stunde. Auch vor mir liegt ein Horizont, doch ich sehe ihn nicht. Dazu müsste ich meinen Kopf verdrehen, meinen Hals verrenken, oder mich umsetzen. Ich setze mich nicht um.

Saftig grüne Weiden im Januar. Neben ihnen liegen in Plastik eingewickelte Ernteprodukte. Aufgehoben. Nicht in eine Scheune eingefahren. In der wohnen jetzt die Feriengäste, während das Heu milchsauer in weißem Plastik gährt. Pferde vertragen es nicht gut.

Die Wintergerste ist auch aufgegangen. In schmalen Reihen stehen sie im rechten Winkel zur Fahrtrichtung, sie stehen quer. Wie in einen Kamm hinein kann ich kurz das Ende einer Reihe sehen, ganz kurz. Dann die nächste Reihe. Die Wintergerste entblättert sich wie ein Buch vor meinem flachen Horizont. Niedersachsen.

Bomm.

Ich sehe den Zug an meinem Fenster in meine Vergangenheit vorbeirauschen. Bei jeder Wagenlücke knallt es kurz. Die Luft zwischen den Fahrzeugen wird zusammengepresst, komprimiert und in schockartigen Wehen entweicht sie und verpufft einfach in den kurzen Moment, in dem sich zwei Zeitreisen berühren.

Birken säumen einen Wald. Wer hat sie dort hin genäht? Sie leuchten so schön weiß vor all dem braunen fahlen Grau, das den ersten Monat des Jahres so fest im Griff hat.

Nicht nur Birken säumen einen Wald, auch Wege säumen Bäume, Zäune säumen Wege, die Gleise vernähen die Landschaft zu einzelnen Stücken, die Stichweite ist eine Schwelle, meine Strecke doppelt genäht, wir sind in Deutschland, das hält besser.

Der Wald rechts von mir ist jung. Wäre ich schneller unterwegs, er würde schneller wachsen, als ich altere.

Bomm. Noch ein Zug.

Züge kommen uns meist nur entgegen. Selten überholen sie uns. Bei Autos ist das anders. Ist Bahnreisen deswegen so entspannend?

Die Landschaft in meiner Aussicht ist ungeordnet. Nun, geordnet vielleicht, aber nicht in rechten Winkeln. Ab und zu verlaufen Wege neben dem Gleis, in gebührlichem Abstand und manchmal sogar parallel. Das bedeutet, Weg und Gleis treffen sich nie. Der Weg ist verschwunden. Ich habe nicht gesehen, ob er vor Frust endete oder die Entscheidung getroffen hat in eine andere Richtung zu verlaufen. Vielleicht vom Gleise weg, in eine unbestimmte Ferne, die rechts von mir liegt. Oder er fühlte sich vom Gleis angezogen und hat es überquert, seinen Lauf geschnitten, durchbrochen, gestoppt von einer Schranke, handbetrieben, automatisch oder halbautomatisch. Oder der Weg hat ganz frei zum Überqueren eine Brücke genutzt, schaute dem Gleis in seine zwei Richtungen nach und machte sich dann auf der anderen Seite auf, weiterzuverlaufen.

Der Bahnhof von Tostedt sieht besser aus, als der von Wuppertal. Das war jetzt nicht schwer.

Nach dem Bahnhof hat sich die Anzahl der Geleise neben uns verdoppelt. Jetzt liegen rechts zwei Gleise neben unserem. Sie führen wahrscheinlich in ein Paralleluniversum schätzing‘schen Ausmaßes, in dem ich doppelt existiere.

In die Wiesen haben sich sanfte Wellen eingeschlichen. Hier kann der Bauer mit seinem Trecker mal ein Stück bergauf und dann wieder bergab fahren. Eine willkommene Abwechslung. Wie abends statt einem Pils ein Alt trinken.

Die Landschaft schwingt sich zu Höhen auf. Dann ein Aldi.

Wieder ein Zug. Kein Bomm.

Die zwei Gleise sind jetzt weiter von mir weg. Dazwischen ein Grünstreifen. Zwischenräume. Heinz Ehrhardt. Made. Ich kann ihn kurz sehen. Den Zug.

Die Bahnhöfe sind wie die Gesichter der Mitreisenden. Man vergisst sie bevor man sie gesehen hat.

Wir fahren nach Norden. Bremen mit seinen hanseatischen Pfeffersäcken ist vorbei, vor uns liegt Hamburg - gibt es dort überhaupt noch eine? Auch Harburg verheißt sie, die Burg, ich habe nie eine gesehen.

Der Himmel hat sich in eine einheitlich graue Decke verwandelt, das Leuchten am Horizont ist zurückgeblieben. Im Spiegelbild des Fensterglases versuchen die Neonröhren der Zugbeleuchtung etwas wie Wärme zu illuminieren, wie ein Streifen Morgengrauen teilen sie es den Himmel. Es dämmert aber schon wieder.

Lärmschutzwände. Niemand kann erwarten, dass Zugreisende den Krach von Spielplätzen ertragen oder gezwungenermaßen den Rasenmähern und Heimwerkern in ihren Garagen zuhören müssen. Man hat seine Ruhe in der Bahn.

Ich schreibe tastaturfrei auf einem iPad, würde meine alte, in den fünfziger Jahren von Wilhelm Wagenfeld entworfene ABC-Schreibmaschine mit eingebautem Drucker hier stören?

Hamburg-Harburg. Auf dem Bahnsteig rechts neben mir steht ein verklinkertes Gebäude. Es ist umgeben von einer vermoosten Rasenfläche. Darauf ein grauer Metallpfosten, der die Schilder für die Bahnsteignummer und den Bahnsteigbereich trägt. 3B. Direkt neben einander gesetzt. In Wuppertal bleiben Zahlen und Bchstaben getrennt. Rechts daneben steht einsam eine cirka drei Meter hohe Konifere. Neben ihr liegen zwei cirka einen Meter lange Betonklötze, in etwa kniehoch. Sie glänzen feucht. Vorne und hinten, unten und oben sind die Flächen abgerundet, an den Seiten gerade. Es scheint nicht zum Sitzen einzuladen. Alles circa. Ich kann es nicht ermessen.

Schon geht es weiter. Diesen Ort gibt es jetzt zweimal. Dort und in meiner Erinnerung. Vielleicht noch in der Erinnerung anderer. Aber könnten sie schreiben, was sie gesehen haben?

Ich fahre über einen mächtigen Fluß. Er ist voller Wasser, das nach rechts aus meinem Sichtfeld strömt. Keine Schiffe.

Alles durcheinander. Häuser. Straßen. Autos. Brücken. Graffiti. Signale. Bäume. Container. Wohnwagen. Kleingärten. Regentonnen. Umgekippte Sonnenschirme. Haufen voller Schotter. Brücken. Zwei Brücken. Eine Lärmschutzwand. Sie schirmt die Gleise vor einer Autobahn ab. Ist das so?

Alles durcheinander. Aber die Schwellen. Sie sind aus Beton, haben immer den gleichen Abstand und an ihnen bin ich festgeschraubt. Schwellenkörper, Schotterbett, Stahlgleise, Radreifen, Wagenkasten und Sitze - alles ist zu einer Einheit zusammengeschweißt, aber die Gleise und die Schwellen müssen zurückbleiben, während sich meine Zeit und mein Zug unaufhaltsam in die Zukunft bewegen, die ich nicht sehen kann, weil ich nur in die Vergangenheit schaue. Rückwärts.

Rechts haben sich jetzt einige Autos und Lastkraftwagen dem Zug angeschlossen. Sie fahren in annähernd gleichem Tempo in die gleiche Zukunftsrichtung. Oh. Doch nicht. Soviel trennt uns. Im Auto kann man die Vergangenheit nur durch den Rückspiegel sehen. Man schaut immer nach vorne.

410 lange Kilometer habe ich immer nur zurückgeblickt. Gleich steige ich aus. Vielleicht sehe ich im nächsten Zug mal nach Vorne. Ich bin gespannt ob die Welt dann anders ausschaut.

tl, dr;

Ich bin mit dem Zug nach Hamburg gefahren und habe mir Notizen gemacht, die an mir vorüberziehende Welt hinter mir.

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