Jenny Lind Mania in den USA

Die schwedische Nachtigall

Bodenständige Sängerin mit einer unglaublichen Stimme, Wohltäterin, die erste wirkliche Berühmtheit in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die eine Manie auslöste, die erste Person, die in einem eigenen Eisenbahnwaggon reiste: das war Jenny Lind.

Ich beschäftige mich mit der schwedischen Sängerin und Wohltäterin Jenny Lind, weil sie von P.T. Barnum als Sängerin engagiert wurde. Barnums Mißgeburten werden im autobigraphischen Roman Schau Heimwärts, Engel! des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe erwähnt, mit dem ich mich im Moment beschäftige und auseinandersetze. Ich untersuche alle Phänomene, Metaphern, Autoren und Begriffe, die im Buch erwähnt werden und mir unbekannt sind.

 Jenny Lind Mania in den USA - Lind als Amina in La sonnambula.  Quelle: Wikipedia
Lind als Amina in La sonnambula. Quelle: Wikipedia
Geschäftmann und Marketinggenie

Phineas Taylor Barnum

Dem Betreiber eines Kuriositätenkabinetts, Zirkusmann und Politiker Phineas Taylor Barnum gingen die Ideen nie aus, er war jemand, den man zurecht einen tüchtigen, aber rücksichtslosen Geschäftsmann nennen konnte.

Um die 1849 versuchte er sich in seriöseren Geschäften und wurde auf die schwedische Sängerin Jenny Lind aufmerksam, die als die schwedische Nachtigall bekannt war und heute in Schweden immer noch ist. Geboren wurde Jenny Lind als Johanna Maria Lind am 6. Oktober 1820 in Stockholm. Schon im Alter von 20 Jahren wurde sie zur schwedischen Hofsängerin ernannt.

Franz Grillparzer

Und spenden sie des Beifalls Lohn
Den Wundern deiner Kehle
Hier ist nicht Körper, Raum, noch Ton
Ich höre deine Seele.

Quelle: Wikipedia

Angehimmelt von Dichtern wie Franz GrillparzerHans Christian Andersen, dem sie auf seinen Heiratsantrag einen Korb gab und der ihr wohl mit der Schneekönigin ein kaltes literarisches Denkmal setzte, und bewundert von Schumann, Berlioz und Bartholdy, begeisterte sie mit ihrer einzigartigen Stimme und trat als berühmte Sängerin in ganz Europa auf.

The Atlantic Animation - Frame
The Atlantic Animation - Ship
The Atlantic Animation - Wave 1
The Atlantic Animation - Wave 2
Source: Baltic, Wikipedia
Grafik: tripleorange
Tournee durch die USA

Mitmenschen helfen

W. S. Rockstro und Henry Scott Holland

W. S. Rockstro und Henry Scott Holland schrieben eine zweibändige Biografie Jenny Linds, die auf ihrem Nachlass und der Briefesammlung ihres Mannes Otto Goldschmidt beruhte. William Smith Rockstro war ein englischer Musikwissenschaftler, Lehrer, Pianist und Komponistund studierte unter Felix Mendelsohn am Leipziger Conservatorium. Jenny Lind selbst war Zeit ihres Lebens eng mit Felix Mendelsohn befreundet. Henry Scott Holland war Regius-Professor für Theologie an der Universität Oxford. Er war auch ein Kanoniker der Christlichen Kirche in Oxford.

H.S. Holland und W.S. Rockstro: Jenny Lind, Ihre Laufbahn als Künstlerin. 1820 bis 1851. Übersetzt von Hedwig J. Schoell. F. U. Brockhaus, Leipzig 1891. Quelle: Archive.org

Barnum machte ihr das Angebot einer ganzjährigen Tournee durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Gedanken an die hohen Einnahmen für die vielen Wohltätigkeitsorganisationen, die sie unterstützte, stimmte sie der Reise zu. Jenny Lind  spendete große Teile ihres Vermögens für arme Musiker, Hospitäler und Waisenhäuser. Viele dieser Einrichtungen, aber auch Straßen tragen in Schweden, Großbritannien und den USA bis heute noch ihren Namen.

Später schrieb sie:

Es ist in der That eine sehr große und erfreuliche Gabe Gottes, so viel Geld zu verdienen und dann seinen Mitmenschen helfen zu können. Für mich ist dies die höchste Freude, die ich überhaupt im Leben begehre; alles andere ist von der bunten, unruhigen Bahn meines Erdenlebens verschwunden.

Quelle: H.S. Holland und W.S. Rockstro: Jenny Lind, Ihre Laufbahn als Künstlerin. 1820 bis 1851. S. 371

Barnums, ihrer Reise vorausgehende, raffinierte Werbekampagne machte sie berühmt, bevor sie überhaupt den amerikanischen Boden betreten hatte.

Als die Beatles am 7. Februar 1964 zum ersten Mal amerikanischen Boden betraten, warteten 3000 kreischende Fans auf die Pilzköpfe aus Liverpool. Am Sonntag, dem 1. September 1850 traf der Schaufelraddampfer Atlantic der amerikanischen Collins Line nach einer elftägigen Reise über das atlantische Meer unter Kapitän West in New York ein. Die amerikanische Atlantic war 1850 das erste Dampfschiff mit einem senkrechten Vorsteven, der den geschwungenen Klipperbug verdrängen sollte.

Jenny Lind schrieb dazu in einem Brief an ihre Eltern:

Die Reise war in jeder Hinsicht äußerst interessant. Gewiß sind elf Tage auf der See wol keine Kleinigkeit, aber wie großartig war der Anblick des Oceans mit dem ganzen Zubehör von Sonnen-Auf- und -Untergang, Mondschein, neuen Sternen, Regenbogen, von Infusionsthieren im Wasser, Delphinen und Seehunden, Sturm, Nebel und spiegelglatter Oberfläche.

Alles das hatten wir, und dazu ein prachtvolles Schiff und einen außerordentlich guten, geschickten, aufmerksamen und liebenswürdigen Kapitän.

Quelle: H.S. Holland und W.S. Rockstro: Jenny Lind, Ihre Laufbahn als Künstlerin. 1820 bis 1851. S. 370

Die anreisende 30-jährige Jenny Lind empfingen mehr als zehnmal so viele Menschen wie 114 Jahre später die Beatles, obwohl sie außer von Werbeplakaten und aus Zeitungsartikeln dem amerikanischen Publikum völlig unbekannt war und nur wenige wohl bisher ihre Stimme gehört hatten. 30000 New Yorker standen am Pier an der Canal Street und wollten die singende Nachtigall aus Schweden sehen.

1849 in den Vereinigten Staaten noch völlig unbekannt, war sie schon im September 1850 eine der berühmtesten Frauen Amerikas. Das hatte sie nur in zweiter Linie ihrer Stimme aber in erster Linie dem Marketing- und Vermarktungsgenie P. T. Barnum zu verdanken. Dieser setzte auf seinen Plakaten und in Zeitungsartikeln geschickt die Tatsache ein, dass Jenny Lind schon in Europa für Demut und Nächstenliebe und ihre Wohltätigkeiten bekannt war. Dies verlieh ihr bei den Menschen in den Staaten einen engelsgleichen Ruf.

Das alles in Zeiten, zu denen es weder Instagram, Facebook oder Twitter gab - Zeitungen und Plakate, Wurfzettel waren die einzige Möglichkeit, Veranstaltungen und Persönlichkeiten bekannt zu machen. Es gab weder Radio noch Fernsehen, sogar das Grammophon wurde von Emil Berliner erst 1887 erfunden, der Phonograph von Edison 1877. Man konnte sie also wirklich nur live hören. Und die Menschen kamen.

Über ihren Erfolg in New York schrieb Jenny Lind im gleichen Brief an ihre Eltern:

Ich wurde mit einem schrecklichen Enthuisiasmus empfangen. In New-York habe ich schon sechs Konzerte gegeben; ein Saal, der 11000 Menschen faßt, war jedesmal übervoll, und wir können wol noch 40 bis 50 Concerte allein noch in New-York geben.

Hier geht alles in großem Maßstabe vor sich. Das erste Billet, das vorgestern hier in der Stadt verkauft wurde (zu dem ersten Konzert, das heute stattfinden soll), erzielte einen Preis von - - - - 625 Dollars! Die Concertbillets werden hier nämlich verauctioniert. Es ist schrecklich, was für Massen von Geld die Leute hier zu besitzen pflegen.

Quelle: H.S. Holland und W.S. Rockstro: Jenny Lind, Ihre Laufbahn als Künstlerin. 1820 bis 1851. S. 371

Die Tickets waren so beliebt, dass Barnum sie versteigern konnte. Bis zu 625 Dollar wurden geboten, das wären heute in etwa 22000 Dollar. Die ersten Aufführungen fanden im Castle Garden statt, einer 1811 gebauten Festung, die später zu einer Aufführungshalle umgebaut wurde. Heute ist es als Castle Clinton bekannt. Es gab eine Jenny Lind Price Song Competition um einen Liedtext, den Jenny Lind dann während ihrer Tournee singen würde.

In der Regel sang sie ein paar Arien, religiöse Lieder und Lieder, die man heute Folk-Songs nennen würde. Darunter waren nach ihren eigenen Aussagen: das Vogellied von Wilhelm Taubert, Ich muß nun einmal singen, Op. 74. Nr 1, das ihr durch den Komponisten selbst zugeeignet worden war, Isak Albert Bergs  (geb. 1803 in Stockholm) Lied mit den lang ausgehaltenen Tönen (wahrscheinlich Fjärran han dröjer) und das Norwegische Echolied (Das Lied gesungen von Florence Macbeth). Mit dem in Stuttgart geborenen Kapellmeister und Komponisten Sir Julius Benedict spielte sie vierhändig Klavier. Das alles um ihre Stimme möglichst zu schonen, denn sie konnte und sollte nicht Abend für Abend nur Arien singen.

Jenny Lind the Swedish Nightingale. Poster from the collection of the University of Sheffield. Quelle: Wikipedia
Jenny Lind the Swedish Nightingale. Poster from the collection of the University of Sheffield. Quelle: Wikipedia
Lind mania

Der erste Fandom auf amerikanischem Boden

1849 in den Vereinigten Staaten noch völlig unbekannt, war Jenny Lind schon im September 1850 eine der berühmtesten Frauen in Amerika. Das hatte sie nur ihrer Stimme und dem Marketing- und Vermarktungsgenie P. T. Barnum zu verdanken. Das alles in Zeiten, zu denen es weder Instagram, Facebook oder Twitter gab - Zeitungen und Plakate, Wurfzettel waren die einzige Möglichkeit, Veranstaltungen und Persönlichkeiten bekannt zu machen. Es gab weder Radio noch Fernsehen, sogar das Grammophon wurde von Emil Berliner erst 1887 erfunden, der Phonograph von Edison 1877. Man konnte sie also wirklich nur live hören. Und die Menschen kamen.

Und obwohl viele Menschen sie niemals selbst hörten, die Begeisterung kannte keine Grenzen. Die Presse nannte das Phänomen "Lind mania". Sogar Haare aus ihrer Hotelzimmer-Bürste wurden gewinnbringend verkauft.  W. H. C. West schrieb zu einer bekannten Melodie das mehrstrophige Lied  The Jenny Lind Mania zur Lind mania. Elisabeth Soderstrom hat es auf einer Veranstaltung einmal neu eingesungen und dies ist die einzige Aufnahme (ab 0:42), die ich im Netz bzw. in Youtube gefunden habe.

Paper Doll, Jenny Lind Paper Doll and Ten Costumes Designed for Her Operatic Roles; lithograph on heavy white wove paper; 1952-8-1-a.
Paper Doll, Jenny Lind Paper Doll and Ten Costumes Designed for Her Operatic Roles; lithograph on heavy white wove paper; 1952-8-1-a.
Lind mania

Jenny-Lind-Box & endloses Merchandising

Lind Mania Song

Komponist W. H. C. West schrieb zu einer populären Melodie den The Jenny Lind Mania Song. Die ersten zwei Strophen gingen so:

If you step into a grocer's
(Upon my word. 'tis true!)
There is Jenny Lind lump sugar
And Jenny's cocoa too.
We shall alll become great singers,
Thro' Jenny Lind pipes high;
At each snuff shop in London,
Jenny Lind pipes you may buy.

My wife has a Jenny Lind bonnet
And a Jenny Lind visite;
With Jenny's portrait on it,
My handkerchief looks neat.
My wife is a slave to fashion,
Against it never sinned:
Our baby and the kitten
Are called after Jenny Lind.

Refrain:
Of manias we've had many,
And some have raised the wind,
But the tallest far of any,
Is that for Jenny Lind,
Causing quite a revolution,
To compliment her fame;
from a toothpick to an omnibus
All call-ed by her name.
Chor: O! manias we've had many, etc

Quelle: Isabelle Putnam Emerson: Five Centuries of Women Singers, Seite 158

Man konnte eine wunderschöne Schachteln mit 10 verschiedenen Jenny-Lind-Puppenkleidern aus Papier kaufen, die alle ihren jeweiligen Gesangsrollen zugeordnet waren, echte Jenny-Lind-Kleidung, Hüte und andere Kopfbedeckungen, Klavier, Hocker und allen möglichen anderen Kram, der ihren Namen trug. Dabei trat sie bei allen Konzerten nur in einem schlichten weißen Kleid auf. Auf der Website der New-York Historical Society gibt es weitere Bilder dieser sehr schönen Papierkleiderkollektion in einer wunderschön gestalteten Box.

P. T. Barnums Tournee mit Jenny Lind. Zeitgenössische Karikatur:1850/1852.
P. T. Barnums Tournee mit Jenny Lind. Zeitgenössische Karikatur:1850/1852.
Lind mania

Die erste Person mit privatem Eisenbahnwaggon

Durch die USA tourte Jenny Lind mit einem eigens für sie ausgestatteten privaten Eisenbahnwaggon. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein Eisenbahnwaggon für eine bestimmte Person speziell ausgestattet wurde. Der Bedarf nach einem eigenen Eisenbahnwaggon entstand durch die unzumutbare Begeisterung und Lind mania, die durch ihre Auftritte und ihre öffentlichkeitsbekannte Hochzeit mit dem sie später begleitenden Musiker Otto Goldschmidt entstand. Sie konnte einfach nicht mehr ungestört in der Öffentlichkeit auftreten. Jenny Lind war die erste Person in der Geschichte, die auf diese ungewöhnliche Art reiste.

Laut Kat Eschner vom Smithsonian Magazine hatte die Begeisterung weniger mit ihren gesanglichen Qualitäten zu tun, als mit ihrer Lebensgeschichte und ihrer Wahrnehmung in der amerikanischen Gesellschaft zu tun: Es hatte mehr mit den bürgerlichen Bestrebungen zu tun, mit denen Lind und ihre Waren in Verbindung gebracht werden konnten: guter Geschäftssinn, ein karitativer Geist und eine sittsame, christliche, weiße Weiblichkeit. (Quelle: https://www.smithsonianmag.com)

Dabei war Jenny Lind wahrscheinlich eine dankbare unprätentiöse bescheidene Sängerin, die nach eigenen Aussagen mit den einfachsten Dingen zufrieden war.

Sie schrieb im Oktober 1850 aus Boston:

[...] und auch nur wenige wissen, wie gering ich die Welt und ihren Prunk achte, und wie wenig sie meine Sinne zu berauschen vermag. Häring und Kartoffeln, ein reinlicher Holzschemel und ein dito Holzlöffel zum Essen von Milchgrütze - das ist es, was mich wieder zum Kinde machen und zu Freudensprüngen veranlassen könnte! - und dies zwar ohne jede Spur von überspannter Schwärmerei oder dergleichen.

Quelle: H.S. Holland und W.S. Rockstro: Jenny Lind, Ihre Laufbahn als Künstlerin. 1820 bis 1851. S. 372

Das finde ich persönlich sehr sympathisch. Die hochanständige Jenny Lind, die so viel Gutes für Menschen tat und der Humbug-König P. T. Barnum. Eine merkwürdige aber finanziell sehr erfolgreiche Kombination.

Allein unter Barnum gab sie um die 95 Konzerte, sie trennte sich von ihm und tourte dann noch ein weiteres Jahr durch die Vereinigten Staaten und Kanada. Am 24. Mai 1852 machte sie sich auf die Rückkehr nach Europa. Nach ihrer Rückkehr trat sie nur noch selten auf, zum letzten Mal 1870 beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf.

Sie hatte gemeinsam mit ihrem Mann Otto Goldschmidt eine Tochter und zwei Söhne und verstarb am 2. November 1887 im englischen Badekurort Malvern in der Grafschaft Worchestershire in England.

tl, dr;

Meine Recherchen zur schwedischen Stimme des 19. Jahrhunderts Jenny Lind, die für Phineas Taylor Barnum als Sängerin von 1850 bis 1852 durch die USA reiste und eine Rockstar ähnliche Hysterie namens Lind mania auslöste.

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